Kino: Amador
Von Fernando Léon de Aranoa | Drama | Start: 02. February 2012
Ein fesselndes aus dem Alltag gegriffenes Märchen, dessen Protagonisten mit den unerwarteten Wendungen des Lebens zu kämpfen haben.
von Rowena Alcina Raths
Marcela, auf Arbeit angewiesen, wird von einer Frau angestellt. Sie beauftragt Marcela ihren bettlägrigen Vater Amador zu pflegen und ihm tagsüber Gesellschaft zu leisten. Die Tochter verreist mit ihrer Familie den Sommer über. Marcela lebt mit ihrem Freund zusammen, dem sie nicht wirklich über den Weg traut. Sie ist im Begriff ihn zu verlassen, doch ihre unerwartete Schwangerschaft hält sie davon ab. Diese hält sie jedoch vor ihm geheim. Amador und Marcela scheinen sich gut zu verstehen. Er duldet ihre Pflege und sie tauschen sich aus. Amador wird ihr Vertrauter und bald wird er ihr auf eine Weise nützlich, wie sie es sich nie erhofft hätte. Sie lernt, dass der Tod dem Leben nicht immer ein Ende setzt.
Der spanische Film lebt von Wiederholungen, wie sie der Alltag schreibt. Wer genau hinschaut, entdeckt Veränderungen. So zeigt Aranoa, der Regisseur von «Princesas», seinem Publikum Marcelas, gespielt von Magaly Solier, unauffälliges Leben, das sich durch Not und Verzweiflung aufzulösen droht. Ohne böse Absichten rutscht die Protagonistin in ein moralisches Dilemma. Die Schuld und die damit verbundenen Gefühle werden zum tragenden Element des Filmes. Wie soll sie handeln, nach ihrem Gewissen oder aus ihrer Verzweiflung heraus? Sie führt einen inneren Kampf mit sich selbst. Mit einer zurückhaltenden Kameraarbeit lenkt Aranoa nicht ab und überlässt den Zuschauer in seiner fesselnden Geschichte. Stark sind die oft eingeblendeten Bilder, die wie ein Refrain immer wieder auftauchen. Durch die kleinen eingebauten Abweichungen liest man die Bilder immer wieder auf eine neue Weise. Der Film befasst sich mit dem Leben und nicht mit dem Tod. So meint auch der Regisseur, das Leben sei der eigentliche Hauptdarsteller seines Werkes. Marcela ist eine unscheinbare Frau, ohne Ansprüche. Sie weiss nicht, was sie von ihrem Leben erwarten soll. Aranoa gelingt es, eine grosse innere Entwicklung der Figur darzustellen, die lobenswert ist. Die Protagonistin emanzipiert sich. Sie lernt, dass der Mensch aus den Entscheidungen besteht, die er trifft. Entscheidend ist auch, wie er damit lebt. «Amador» ist ein tiefgründiger Film, der einen noch lange nach dem Kinobesuch begleitet und über ethische Fragen nachdenken lässt.
Tags: Drama, Filmkritik, Rezension, Rowena Alcina Raths
