Kino: Intouchables
Von Olivier Nakache & Eric Toledano | DramaKomödie | Start: 19. January 2012 Intouchables ist der neue Regiestreich des französischen Duos Olivier Nakache und Eric Toledano. Intouchables, das sind zwei vermeintlich unvereinbare Persönlichkeiten in den Weiten der französischen Hauptstadt. Vor allem aber ist Intouchables unbeschwertes Kino irgendwo zwischen Pathos und Party.
von Jennifer Kießling
Reich bis zum Hals, und vom Hals abwärts gelähmt. Seit einem Gleitschirmunfall ist Philippe an den Rollstuhl gebunden und bestreitet sein tägliches Leben mit einer penibel durchorganisierten Schar an Bediensteten, ohne seine Entourage ist der Pariser Aristokrat kaum lebensfähig. Unverhofft und etwas zu reibungslos tritt der eben aus der Haft entlassene Vorstadtkleingangster Driss in sein geordnetes Leben aus täglichen Ganzkörpermassagen und jährlichen Geburtstagszwangsveranstaltungen.
Der Inhalt ist nicht neu, und doch irgendwie anders. Trotz kaum zu verleugnender Stereotypisierungen schafft es Intouchables, nicht ständig in übermässig plakative Dialoge zu verfallen. Der grossartige François Cluzet zeigt einen sichtlich vom Leben gezeichneten Philippe, der sich trotz aller Schicksalsschläge vor dem verbittert resignierten Leben als Einsiedler bewahren konnte. Leicht hat er es nicht, aber angenehm. Eintönig angenehm. Ein geregeltes Leben, in einem engen Kreis Vertrauter und einem scheinbar nie abweichenden Rhythmus. Genau dieser gleichmässige Puls kommt in Wallung, als der zunächst mehr als unmotivierte Driss, mitreissend gespielt von Schauspielhoffnung Omar Sy, in Philippes Leben bricht. Sein Desinteresse und die nie versiegende Quelle unverblümter Schamlosigkeit sind es, die ihn zu einer gelungenen Abwechslung machen in der watteweichen Welt des Wohlbehüteten. Des ständigen Mitleids überdrüssig geniesst Philippe die unbeschwerte Sicht seines neuen Begleiters, der auch ohne Samthandschuhe auf seine Bedürfnisse einzugehen weiss. Weitestgehend glaubwürdig treffen zwei Welten aufeinander - die märchenhafte Verschmelzung, die alles möglich zu machen vermag, bleibt zur grossen Erleichterung aus. Philippe und Driss gelingt die Gratwanderung: sie werden Freunde und bleiben dennoch verwurzelt in ihren Welten, in denen trotz unterschiedlichem Vokabular doch irgendwie die gleiche Sprache gesprochen wird. Denn auch hier geht es nicht nur um die Freundschaft. Es geht um Zweifel, um Ängste, Unsicherheiten, Reue und die Suche nach Anerkennung. Ach ja, und um die Liebe natürlich.
Arm trifft reich, Schwarz trifft Weiß, Sneaker trifft Budapester. Auch Nakache und Toledano kommen in ihrer Geschichte über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem millionenschweren Philippe und seinem sozialhilfesuchenden Pfleger Driss ohne Klischees und Vorurteile nicht aus. Müssen sie aber auch nicht, denn trotz des auf den ersten Blick sehr abgedroschen anmutenden Themas inszenieren sie glaubhaft und unverhofft erfrischend. Gefesselt und inspiriert von der guten, alten wahren Begebenheit ist ein Film entstanden, der neben vielen komischen Momenten auch ernst und besonders eines sein kann: ehrlich und direkt. Mit einer gesunden Portion Selbstironie führt er dem Zuschauer subtil die Macht der unterbewussten Kategorisierung vor Augen und schafft es am Ende vielleicht sogar, den ein oder anderen über die eigenen Gewohnheiten und Statusvorstellungen nachdenken zu lassen. Ein wenig Märchen darf eben doch sein.
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