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Der reale Traum

Auf die Frage was Schizophrenie sei, meinen die meisten eine Antwort zu kennen: Betroffene hören Stimmen, haben mehrere Persönlichkeiten und leiden unter Verfolgungswahn. Ist das so einfach zu erklären? Ein Gespräch mit Psychologen versucht Klarheit zu schaffen.

Text Claudia Piwecki


Laura hat Musik studiert und wächst in einem religiösen Zuhause auf. Sie heiratet ihren ersten Freund, der sie bald langweilt. Als sie während dem Studium Juan kennenlernt, ist sie sofort begeistert und erzählt ihrer Mutter, dass sie mit ihm nach Brasilien auswandern möchte, 20 Kinder bekommen will und ihr die Jungfrau Maria erschienen ist. Sie bittet die ganze Familie Rosenkranz zu beten. Ihre Mutter schickt sie zu einem Priester. Laura reagiert hysterisch, bespuckt den Geistlichen und wird in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

Innere und äussere Gedanken

An Schizophrenie erkrankte Personen haben Mühe äussere und innere Einflüsse zu unterscheiden. Sie können nicht erkennen, welche Gedanken in ihrem Kopf entstehen und welche Wahrnehmungen von aussen auf sie einwirken – so wie bei Laura. Psychologe M. Sc. Nadeem Kalak vergleicht dies mit unseren Träumen: Im Traum sind alle Erlebnisse real. Während wir träumen, wissen wir nicht, dass wir träumen und nehmen den Traum als Wirklichkeit wahr.

Diagnose

Per Definition erkennt man Schizophrenie an folgenden Merkmalen: auffällige Verhaltensweisen, Desorganisation der Persönlichkeit, verzerrte Wahrnehmung der Realität und Probleme mit der Lebensführung. Zusätzlich werden körperliche Untersuchungen durchgeführt, um Halluzinationen aufgrund von Drogeneinfluss auszuschliessen. Liegt die Vermutung auf eine Erkrankung vor, muss ein Psychiater anhand der sogenannten ICD-10-Kriterien eine Diagnose machen. Das ICD-10 ist ein Diagnosemanual, in dem psychische Krankheiten erfasst sind und anhand der darin angegebenen Leitlinien diagnostiziert werden. Die Leitsymptome für Schizophrenie sind teilbar in zwei Gruppen. Zu der ersten, den eindeutigen Symptomen, gehören: 1. Gedankenlautwerden, 2. Wahnwahrnehmungen (Kontroll- oder Beeinflussungswahn), 3. Stimmen, 4. Anhaltender unrealistischer Wahn. Dann gibt es vier weitere Symptome, von denen mindestens zwei vorliegen müssen: 5. Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität (Visuell, Gehör, Geschmack, etc.), 6. Gedankenabreissung, 7. Katatone Symptome (stundenlanges Starrstehen, Haltungsstereotypen, etc.), 8. Sprachverarmung, Apathie oder andere Affekte. Verhaltensweisen sind sehr individuell, was eine Diagnose sehr schwierig macht. Ein oder zwei Symptome müssen mindestens einen Monat lang anhalten. Eine Diagnose darf nie unter Drogeneinfluss, während eines Entzuges oder einer längeren Gehirnerkrankung erfolgen.
An Schizophrenie erkranken nur genetisch prädisponierte Personen. Der präfrontale Kortex, zuständig für Handeln und Fühlen, ist verkleinert. So etwas ist angeboren, bedeutet aber nicht, dass eine schizophrene Erkrankung ausbrechen muss. Zum Ausbruch führen umweltbedingte Belastungen, sogenannte «Life Events». Alkohol und Drogen können diese Belastungen verstärken, da sie auf die betroffenen Hirnzentren einwirken. Regelmässiger Marihuanakonsum beschleunigt den Ausbruch bei einer prädisponierten Person um zirka acht Jahre. In Lauras Fall hat sich der Ausbruch schleichend angebahnt, weil sie unter massivem Druck ihrer Familie stand.

Therapie

Ist Schizophrenie anhand der ICD-10-Kriterien diagnostiziert, folgt eine medikamentöse Behandlung durch Psychopharmaka. Medikamente bringen die Neurotransmitter wieder ins Gleichgewicht. Mit einer kognitiven Verhaltenstherapie versucht man dem Betroffenen die Krankheit zu erklären und damit umzugehen. Diese Phase ist oft schwierig, denn zum Krankheitsbild gehört keine Krankheitseinsicht. Im seltenen Fällen ist es aber durchaus möglich, dass ein Schizophrenie-Erkrankter wieder ein normales, aber nie medikamentenfreies Leben führen kann.

In der Schweiz ist zirka ein Prozent der Bevölkerung an Schizophrenie erkrankt. In wenigen Fällen lässt sie sich gänzlich heilen. Medikamentös kann man die Krankheit teilweise unter Kontrolle bringen, die betroffenen Personen müssen aber in der Regel mit sozialen Einschränkungen leben. Informationen für Betroffene und Angehörige gibt es unter: www.vask.ch.

Tags: Buch, Claudia Piwecki, Psychologie, StudiVersum, Wissenschaft
Artikel erschienen am 29.12.2011 um 11:37 Uhr