3er-WG: Salsa für Könner
Die flotte 3er-WG besteht aus John (mag Alkohol), Rebekka (mag Männer) und Beat (mag nicht mehr studieren). Ob alleine oder gemeinsam: Die drei Studenten stellen sich allen Herausforderungen des Lebens. Meistens ohne Erfolg.
von André Bähler
Das ‹El Castillo› ist gut besetzt, aber nicht überfüllt. John und Rebekka essen eine Portion Nachos, trinken kühles Bier und plaudern über ihre Ferienpläne. Es hätte ein gemütlicher Abend werden können, wäre nicht plötzlich dieser Typ mit Bleistiftbärtchen, Schleimerfrisur und betont männlichem Parfum aufgetaucht. «Ciao Rebekka, toll dich zu sehen, come stai?», fragt er. Noch bevor er von Rebekka vorgestellt wird (er heisst Angelo, man kennt sich vom Salsakurs), weiss John, dass er ein Arschloch ist.
John wirft ein paar Nachos ein und wartet, dass der Typ nach dem üblichen Smalltalk wieder abzieht. Rebekka scheint jedoch von ihm angetan zu sein und bittet ihn, zu Johns Entsetzen, Platz zu nehmen. Angelo bezieht John exakt so lange ins Gespräch ein, bis er herausgefunden hat, dass er nicht Rebekkas Freund ist, sondern bloss in der gleichen WG lebt. Ab diesem Moment hat er nur noch Augen für Rebekka, beziehungsweise ihren verheissungsvollen Ausschnitt. Gleich wird er ihr ein Kompliment für ihre schönen Augen machen, denkt John. Doch da täuscht er sich, Angelo geht weit geschickter vor: Durch die Geschichten von seiner Dolce-far-niente-Jugend in Neapel schafft er eine Atmosphäre von Strandferien, Sommernacht und süssem Wein. Wunderbar, wie er zu seinen Erzählungen mit Armen und Händen gestikuliert, im richtigen Moment seine grossen dunkelbraunen Augen aufreisst und –als passiere es ihm völlig unbewusst– ganz kurz seine Hand auf Rebekkas Unterarm legt. Ein Blick genügt John, um zu wissen, dass Rebekka nichts lieber täte, als mit Angelo auf einer Vespa der neapolitanischen Küste entlang zu brausen, während die Sonne blutrot im Mittelmeer versinkt.
John sieht den gemütlichen Abend mit Rebekka stark gefährdet und beschliesst Gegensteuer zu geben. Er schneidet Angelo das Wort ab und hält einen ausführlichen Vortrag über die die Problematik der illegalen Giftmülldeponien in Neapels Hinterland und der zunehmenden Gewalt der Camorra. Plötzlich bekommt Angelo wässrige Augen, gebietet John Einhalt und erzählt stockend von seiner Lieblingstante, die erst kürzlich bei einer Schiesserei zweier rivalisierender Clans von einem Querschläger tödlich getroffen worden sei. John glaubt ihm kein Wort, aber Rebekka nimmt Angelo in den Arm und zischt John etwas zu, das nach «Du unsensibler Wichser» tönt. Dank Rebekkas tröstenden Worten und engen Umarmungen überwindet Angelo seinen Kummer erstaunlich schnell und fordert Rebekka zum Tanzen auf. John bleibt sitzen und sieht den beiden zu. Angelo ist in seinem Element: Emotional, feurig, umweht von einem Hauch seines Mackerparfums, wirbelt er Rebekka im Kreis.
John beschliesst, dem Abend doch noch eine Wendung zu geben, die ihm passt. Gut, kennt er ein Geheimnis von Rebekka: Sie hat immer Abführmittel dabei. Verstohlen öffnet er ihre Handtasche. Schon bald hat er das Fläschchen gefunden und schüttet eine ordentliche Menge in Angelos Sangria.
Es dauert lange, bis die beiden an den Tisch zurückkehren. Mit einer Mischung aus Erstaunen und Verärgerung registrieren sie, dass John immer noch da ist. Angelo fasst sich aber schnell wieder, erzählt eine pseudoromantische Geschichte und sieht dabei Rebekka tief in die Augen. Dass sein Drink ein wenig getunt ist, bemerkt er nicht. Kurz bevor es zum ersten Kuss kommt, sagt Angelo, er fühle sich nicht wohl und verschwindet Richtung Toilette. Rebekka nötigt John, nachzusehen, wie es ihm geht.
John betritt die Toilette und sieht ein Bild, das ihn für den versauten Abend vollumfänglich entschädigt: Vor der besetzen Kabine tanzt Angelo - noch emotionaler und feuriger als vorher mit Rebekka, umweht von einem Hauch ‹Canalizzazione di Napoli›, der aus seinen feuchten Hosen aufsteigt.
Tags: 3er WG, Geschichte, Studenten, StudiVersum
Artikel erschienen am 03.09.2010 um 10:00 Uhr
