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C’est la vie

Neulich in Zürich... Michaela Schmidt begab sich auf die Spuren durch die Pressefotografie seit 1940, ausgestellt im Landesmuseum Zürich.

Von Michaela Schmidt


Die Sonderausstellung C’est la vie des schweizerischen Landesmuseums weckt an einem milchigen eiskalten Sonntagmorgen mein Interesse. Wenig später – nach einem ausgiebigen Frühstück – überquere ich wohlgenährt die Strasse zum Museumsbau. Gustav Groll entwarf gegen Ende des 19. Jahrhunderts das eklektizistische Gebäude, das irgendwo zwischen mittelalterlicher Schlossanlage und Märchenschloss changiert. Geplant als Ort für die Schweizerische Geschichte und Ruhepol, der dem gegenüberliegenden Hauptbahnhof als Sinnbild des Fortschritts ein Schnippchen schlägt.

Der mächtige historistische Bau hat seine schmiedeeisernen Tore weitgeöffnet und heisst die zahlreichen Besucherinnen und Besucher willkommen. Offensichtlich bin ich nicht allein mit dem spontanen Entschluss der Pressefotografie seit 1940 nachzugehen, die laut Ausstellungstext wie keine andere „(...) derart prägnant und treffend das Bild der Zeit vor Augen“ führt.

Drinnen erwartet mich keine wohlgeordnete Ausstellung – vielmehr ein arges Sammelsurium an Präsentationsformen und Möglichkeiten, so als hätten die Macher der Ausstellung noch nicht die passende Form gefunden, sind sich uneins, wie die Fotografien und wie das Thema der Ausstellung adäquat präsentiert werden kann. Um es vorweg zu nehmen: Die Ausstellung bleibt unentschieden bezüglich ihrer Präsentation und der Thematik. Unentschiedenheit kann ein gutes Rezept sein – das Chaos ein Konzept, in der sich die Schönheit der Kunst und des Lebens offenbart.

Hier aber sollen primär Inhalte vermittelt werden, soll eine Geschichte erzählt werden, nämlich die, der Geschichte der Schweizerischen Pressefotografie seit 1940. Anstelle eine Geschichte zu erzählen, die in den Besucherinnen und Besuchern die Neugier erweckt, der Lust den Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu verstehen – besteht hier der Zusammenhang vielmehr darin, Alles und Nichts zu erzählen, quasi eine Boulevardausstellung, die die Chance verpasst hat tiefgründig zu sein.

Das Herz der Ausstellung umfasst eine Chronologie (beginnend Mitte des 20. Jahrhunderts), in der die ohnehin schon bekannten Tatsachen an exemplarischen Ereignissen abgearbeitet werden – fast in bestechlicher Regelmässigkeit: Ein Ereignis des Sports, eines aus Politik & Gesellschaft und schliesslich eine Katastrophe. Man wundert sich ob der faden Auswahl der Sujets aus einem Pool von über 600 000 Möglichkeiten. Zumal die Fotos in der kolonnenartigen Anordnungen jeglichen Zauber verlieren.

Wenig wird deutlich, viel wird nicht herausgearbeitet! Lieber bleibt es im Vagen: Die Veränderungen der Fotografie, die Wahl des Motives, die Zeitspanne von der Aufnahme des Fotos bis zu seiner Veröffentlichung oder die originalen Untertitel der Fotos. Es reicht nicht, dem Hund ein paar Knochen hinzuwerfen in der Hoffnung, dass dieser sich in der intendierten Art und Weise mit Selbigem vergnügt.

Ich wende mich einer der Themenhütten zu, in denen die grauselige Hängung jeden geübten Betrachter erschaudern lässt: Die Abzüge klein, die Kanten wellig, ohne Gespür für Materialität an die Wand geheftet. Die sorgfältig geplanten Fotoreportagen, die mir die Ausstellung versprach, kommen leider kaum zu Geltung. Da hilft es wenig, sich in einer von Jean Prouvé geplanten Holzhütte zu bewegen, zumal sich der Zusammenhang nur den Eingeweihten erschliesst, denen, die vertraut sind mit den Maisons démontables, einer seriell reproduzierbaren Architektur.

An diesem Beispiel zeigt sich erneut die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der realisierten Ausstellung, der es einfach nicht gelingt, das selbstgewählte Thema adäquat umzusetzen. Zu zahlreich die Ansätze, zu wenig werden die Zusammenhänge deutlich. Einzig die Ausblicke aus den Maisons démontables durch die Fenster auf Pressefotos des Alltag aus vergangenen Tagen scheinen geglückt: Hier spüre ich zum ersten und einzigen Mal den Zauber der Ausstellung.

Tags: Fotografie, Landesmuseum, Michaela Schmidt, Zürich
Artikel erschienen am 06.02.2012 um 23:30 Uhr