Das quengelnde Kind
AUS DEM LEBEN – Zürich und Schlamm. Eine zum scheitern vorverurteilte Kombination, Realität geworden dieses Wochenende am Zürich Openair. Dank einer Menge guter Musik wurde das Ganze wider Erwartens eine gelungene Sache.
von Chris Buchmann
Zürich ist ein kleines quengelndes Kind. Zürich will alles sein, alles haben. Zürich schreit laut nach einen renommierten Filmfestival, weil Cannes auch so ein schönes hat. Zürich rennt Marathon, weil es New York schliesslich auch tut. Und Zürich hatte dieses Wochenende ein grosses Openair Festival. Denn was Schweizer Provinzhauptstädte schon lange machen, wird Zürich wohl noch besser kopieren können.
Nun aber liebt Bern sein alljährliches Gurten-Wochenende und St. Gallen die heiligen Tage im Sittertobel. Schlechte Besucherzahlen auf dem Gurten kränkt Bern mehr als jeder Meistertitel, der in der letzten Runde verspielt wird. Zürich aber denkt sich: Mach du mal ein Festival, ich schau dann mal kurz vorbei falls ich Zeit habe. Vielleicht.
So konnte Courtney Love die Besucher noch fast einzeln zählen, als sie am Freitag um sechs auf der Bühne stand. Wohl hätte sie sich aber auch mit mehr Zuhörern alleine gefühlt, verloren zwischen all den Akkorden, ihrer leeren Stimme und so ganz ohne Kurt.
Paradoxerweise drehte sich das Blatt mit der grossen Sintflut, die zeitgleich mit Vive la Fête auftrat. Solch energiegeladene Musik wirkt im strömenden Regen noch viel elektrifizierender als sonst wo. Das Kaufleuten hätte das bestimmt nicht in der Weise hingekriegt. Und so ging es dann weiter, mit guter Musik, ansteckender Stimmung - und mit dem Regen. Was bald mal keine Rolle mehr spielte, denn Placebos «sleeping with a ghost» hat noch nie so gut geklungen, trotz all dem Wasser und dem Dreck.
Wieder nüchtern bei Tageslicht dann, am Samstag, war der Schlamm plötzlich viel realer geworden. Zürich rieb sich verwundert die Augen und fragte sich, ob die Gummistiefel mit Absatz wirklich noch nicht erfunden wurden. Trotzdem, sie kamen, die Stadtmenschen, schön herausgeputzt die meisten, mit weissen Stoffschuhen nur die naivsten. Und plötzlich schien es irgendwie zu funktionieren: Zürich, die Indie-Musik und der Schlamm. Zürich stand da und staunte: Dass Insomnia tatsächlich von einer Band und nicht nur von DJs gespielt wird (Faithless), wie Musik von zwei Schweden nach einer kompletten Gruppe klingen kann (Johnossi), wie elektronische Musik am Sonntagabend die letzten Kräfte der Besucher mobilisieren kann (Prodigy).
Am Schluss war das Bier alle und der Schlamm klebte kiloweise an den Stiefeln. Mit dem 10er wurde er fein säuberlich in der ganzen Stadt verteilt, klebte matschig auf dem feinen Marmorboden des Flughafens und fragte noch am Montagmorgen leise vom Asphalt der Innenstadt herauf: War da nicht ein Zürich Openair?
Ja, da war eins. Man könnte sich mokieren: Typisch Zürcherisch wurde für viel Geld ein überragendes Line-up erkauft. Doch das hat sehr gut funktioniert. Was man nicht von allen organisatorischen Einzelheiten behaupten könnte. Doch schlussendlich lebt ein Openair Festival von der Musik, die gespielt wird -nicht von tadellosem Kundenservice. Deswegen bleibt für Zürich also nur zu hoffen, dass die Abschlussrechnung 2010 eine Wiederholung in den nächsten Jahren erlaubten wird.
Tags: Aus dem Leben, Kolumne, OpenAir, OpenAir Zürich, StudiVersum
Artikel erschienen am 31.08.2010 um 11:01 Uhr
