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Event 2011: Kilbi im Exil

Der Nikolaus fährt Traktor und brachte am 09./10. Dezember lauter Geschenke nach Zürich!

Text & Bilder: Filip Dingerkus

Jaja, 2011 ist rum und in den Jahresrückblicken versucht man uns schon seit geraumer Zeit zu verklickern, was wir aus den vergangenen 12 Monaten Wichtiges mitnehmen müssen und was wir keinesfalls vergessen sollten. Dem möchte semestra.ch in nichts nachstehen und will nebst Fukushima, Tsunamis, Bundesratswahlen und politisch gehörnten Adligen vor allem den Blick auf ein positives musikalisches Winterhighlight werfen.

Der Dezember hat nämlich einen grossen Wurf der alternativen Musikszene hervorgebracht. Zum ersten Mal fand 2011 die «Kilbi im Exil» statt. Der kalte Ableger der bereits kultigen sommerlichen «Bad Bonn Kilbi» fand ihren Weg nach Zürich, wo sich an zwei Tagen avantgardistische Künstler aus aller Welt, mehrheitlich aber aus dem Mekka der Avantgarde New York einfanden. Organisiert von Duex dem Bad Bonn-«Gehirn» höchst persönlich, holte er viele ganz besondere Musiker in die Schweiz und stellte zusammen mit dem Exil und dem Moods ein exquisites Programm auf die Beine. Planungstechnisch und musikalisch ein voller Erfolg. Bleibt zu hoffen, dass sich auch in Zukunft genügend Musikbegeisterte finden werden, um aus dem einmaligen Event vielleicht doch eine neue Tradition auferstehen zu lassen, damit auch im nächsten Jahr die lethargischen und dunklen Winterabende aufgerüttelt und erhellt werden!


Tag1

Jad Fair
Der alte Experimentierrocker und Gründer der legendären Noise-Band «Half Japanese», Weggefährtin von Acts wie Sonic Youth, John Zorn oder Yo La Tengo, erreichte zwar weder Solo noch mit seiner Formation die Bekanntheit seiner musikalischen Mitstreiter der 80er & 90er Jahre, war jedoch für die Entwicklung der alternativen Rockmusik nicht minder von Bedeutung.
Der seit den Siebzigern aktive Jad Fair war dem jungen Publikum grösstenteils gänzlich unbekannt. An dem kaum gefüllten Club störte er sich kaum, sondern maltretierte genüsslich und mit einem ständgen Lächeln seine Gitarre und gab seine teils absurden, teils hilflos komischen Texte zum Besten. Den Zuschauern, die dem Englischen mächtig waren, huschte auch regelmässig ein Schmunzeln übers Gesicht. Eine gewisse Monotonität der Stücke liess sich kaum verneinen, jedoch geht es Jad Fair nicht um klangliche Variation und Tiefe, sondern viel mehr um eine punkige Attitüde des Aufrührerischen und Verstörenden. Ein abgerissener Gitarrenhals, grinsende Gesichter und der Charme eines «Neil-Young-Look-alikes». Die Darbietung war gelungen.

Glenn Branca
Erst nur brütend, dann sichtlich wütend war der – Verzeihung für den ungebührenden Ausdruck – wie ein schwächelnder Kriegsveteran kauernde Glenn Branca. An sein Dirigentenpult klammernd stand er mit dem Rücken zum Publikum und war keineswegs erfreut. Er wollte die Bühne heller erleuchtet haben, um die Noten besser lesen zu können. Nachdem dies nicht bis zum Lichttechniker vorgedrungen war, wurde Glenn immer ungemütlicher und fing wild an, das Personal zu verfluchen. Nach seinem immer hemmunsloser werdenden Ausbruch konnte schliesslich doch jede nur erdenkliche Lampe auf ihr Maximum hochgeschraubt werden. Einige verärgerte Zuschauer konnten ihrerseits das divenhafte Gehabe Brancas nicht nachvollziehen und beschimften ihn im Gegenzug. Er versetzte seinen Körper in eine 90°-Drehung und starrte mit schräg angewinkeltem Kopf in die Menge. Ein gruseliger Anblick, der plötzlich durch ein Grinsen des alten Mannes aufgebrochen wurde: «This is part of the show. We do that every time!» rief er ins Publikum. Ein verstörtes Lachen. Dann ging es plötzlich los. Kein pompöser Walkürenritt, sondern die volle Breitseite einer verzerrten Gitarrensymphonie. Wuchtig wurden alle Zweifler – und nicht nur die – nach hinten geschleudert. Das Ensemble, angepeitscht durch Brancas wildes Gefuchtel, spielte sich schnell in einen Wahnrausch.
Beim genaueren Hinhören, bereits einige Kompositionen später, würde man der Truppe gleichwohl gerne eine musikalische Entschlackungskur verschreiben. Nichts gegen eine monumentale Geräuschmaschinerie, aber bis auf das Schlagzeug oder stellenweise den Bass, konnte man keine der anderen Gitarren auditiv auseinanderhalten. Das Notenlesen der Bandmitglieder wirkte geradezu absurd, vermengte sich ihr Klang doch zu einer einheitlichen Soundwand in der kein Instrument mehr zu verorten war. Dieser immer dicker werdende Brei drohte alsbald auch die Ohren zu verstopfen. Kollateral und betäubend war die tosende Walze, welche wie eine Horde Wildpferde über einen hinweg brauste. Bitter nötig waren da die Schallschutzstöpsel, die zwar wiederum der Musik einen Dämpfer erteilten (lediglich akkustisch, nicht kreativ), aber gegen den Tinitus absolut sinnvoll erschienen.
Über das leichte Gemoser an dieser Stelle kann Branca nur herzlich lachen, schliesslich gilt er mit seinem im Exil aufgeführten Ur-Album «The Ascension» von 1981 als Erfinder des Post-Rock. Und dessen ist sich der alte Herr sehr wohl bewusst, weshalb sein nur so strotzendes Ego keinerlei Streicheleinheiten bedarf. Gerade diese überzeugte und brachiale Performance machte den Auftritt zu einem unvergesslichen und ja, irgendwie auch geilen Erlebnis. Hut ab.

The Shit
Vier Shirts auf der Bühne. «H», «I», «T» und … schwarz. Das ergab zwar auch ein nettes Wortspiel, der Frontmann schien sich jedoch wenig um die Repräsentation des eigenen Buchstabens zu scheren. Trotzdem war es wohl ein gewiefter Schachzug, denn der Hauptgrund, weshalb man nicht doch Club-hopping zum Moods machen wollte, war das Warten, bis er sich vielleicht doch noch sein Supermann-«S» überstreifen würde. Vergebens. Anzeichen für Streit im Paradies? Oder doch eher der Versuch, dem Festival als grosser «Hit» im Gedächtnis zu bleiben?
Welche Idee auch immer dahinter steckte, redlich abgemüht haben sich The Shit allemal. Sie klangen aber bei weitem nicht so punkig wie von einigen erwartet und irgendwie war an diesem Abend beim Publikum nach Branca generell langsam die Luft raus. Oder wie der Philosoph Köhne zu später Stunde bemerkte: «If you play shit because you call yourself «The Shit» - you are artists. If you play shit because you think it is art - you are shit.»
Das soll die vier Jungs aber von nichts abhalten. Devise: weitermachen.


Tag 2

Dillon
Als die gebürtige Brasilianerin mit Künstlernamen Dillon die Bühne betrat, wirkte sie beinahe schüchtern. Kaum einmal öffnete sie die Augen während der ersten drei Lieder, klammerte sich an ihr Mikrofon und rückte ihre Stimme in den Mittelpunkt. Spätestens hier war klar, dass dieser Beginn weniger Verschlossenheit, als viel mehr grosses Selbstbewusstsein ausstrahlte. Mit ihrer kraftvollen Stimme, die auf Platte noch stark an Joanna Newsom erinnert, live hingegen einen ganz eigenen Timbre besitzt, hatte sie die Herzen des Publikums im Nu erobert. Dillon wurde bloss von ihrem Partner am Laptop begleitet, der für die Beats und dezente elektronische Untermalung sorgte. Es war eine nicht neue, aber in seiner Dynamik sehr erfrischende Kombination von Electro und Gesang. Der Fokus liegt zurecht auf dem Organ der jungen Deutsch-Brasilianerin und sie präsentiert ihre Songs unvoreingenommen und frei, etwas, das einer anderen Electrokünstlerin namens Björk in den letzten Jahren leider irgendwie abhanden gekommen ist. Am Ende versuchte Dillon noch das Publikum mit einzubinden – die Schweiz ist diesbezüglich bekanntermassen kein optimales Pflaster. Es war aber gar nicht nötig, denn fast alle im Saal waren schon längst verzaubert und durch die Klänge betört worden.

Noveller
Hat man sich einmal aus dem Bann von Dillon gelöst, war nur für einen kurzen Moment klares Denken angesagt. Schnell. Solange man noch seinen freien Willen hat, sollte man irgendetwas selbst entscheiden. Ja, zügig ein Bier gönnen. Das wärs. Dann war es auch bereits vorbei mit der Selbstbestimmung, die nächste Nixe hat zumindest die Männer unter ihre Kontrolle gebracht. Ob Noveller Gefahr und Schaden bringt, ist nicht erwiesen, dass sie über erstaunliche verführerische Qualitäten verfügt – obwohl sie dabei absolut gar nichts machen muss – ist hingegen bemerkenswert. So stand sie da, der wahr gewordene Jugendtraum, ihre langen braunen Haare lagen zart auf ihren Schultern. Das Gesicht durch ein paar Stränen zur Hälfte verdeckt, während sie über ihre Gitarre gebeugt ihren ambient-artigen Noise einspielte. Nicht wirklich innovativ? Papperlapapp. Wen interessiert schon Neuartiges… Das ist Noise. Da berührte mich etwas an meinem Arm. «Hey, wir wollten noch zu Tyondai. Der spielt schon seit 20 Minuten.» Ach, dieser Braxton. Was muss der auch jetzt schon dran sein. Ein Glück stand ich noch unter dem Zauber und war praktisch willenlos. So liess ich mich zurück ins Exil leiten, oder hatten meine Begleiter die gleiche verführerische Macht wie die beiden Damen zuvor?

Tyondai Braxton
Huch, hier ist es ja halb leer? Noch oder schon? Wahrscheinlich schon, denn der Kopf der Math-Rock/ Electroband Battles verschreckte einen Grossteil der Zuhörer. Am Ende seiner frei von Rhythmik und Melodie geprägten elektronischen Geräuschteppiche blieb lediglich eine Handvoll Hartgesottener übrig. Die beinahe willkürlich aneinandergereihten Töne haben musikalisch einen noch schwereren Stand als Freejazz – dort sind wenigstens physisch sichtbar Instrumente am Werk – wodurch selbst an einem alternativen Festival wie der Kilbi nur wenige Ohren in Verzückung zu bringen sind. Cool war sein Auftritt trotzdem, denn als der leicht steif und verklemmt wirkende Tyondai sich im Schneidersitz in mitten seiner Regler, Schieber, Pads und den Mac setzte, begann seine verstörende Meditation. Konzentriert baute er die unterschiedlichen Geräuschebenen auf, um sie sogleich zu verzerren oder zusammenfallen zu lassen. Sein Oberkörper wippte ekstatisch hin und her. «Willkommen in meiner Klangwelt».

Thurston Moore
Vielleicht war auch ein beträchtlicher Teil nicht bis zum Schluss von Braxtons Auftritt geblieben, denn im Moods näherte sich bereits der Beginn des Festivalheadliners schlechthin. Nach einem kleinen Intermezzo seiner Freunde (darunter Weggefährte Aaron Mullen von den Tall Firs) als sozusagen private Vorband betrat Sonic Youth Gott Thurston Moore die Bühne.
(Aufgrund Unfähigkeit zur Unvoreingenommenheit fehlt an dieser Stelle ein beträchtliches Stück der Kritik.) Kurz: Mit einem wunderbaren Auftritt – dynamischer und lärmiger als die Versionen auf seinen Soloalben – liess er den Ur-Vater des Noise-Rock heraushängen. Einsame Spitze!!!

Za! im Exil
Eigentlich war nach dem grossen Act der Abend gelaufen. Aber halt! Nicht so schnell. Die Standhaften durften sich noch in ein zum Bersten gefülltes Exil quetschen um dem zweiten stark kakophonischen Act des Abends zu frönen. Nach 2 intensiven Tagen Festival war man zwar geschafft, Za! lieferten dennoch den perfekten Abschluss eines guten alternativen Musikevents und hoffentlich sieht man sich im nächsten Jahr wieder. Zum Glück dauert es eigentlich nur noch 5 Monate. Ja! Im letzten Maiwochenende findet nämlich noch die Original-Kilbi in BadBonn statt. Puh, das lässt sich geradeso noch aushalten. Der Countdown läuft…

Die Bilder von Tag 2 sind hier einsehbar

Tags: Festival, Filip Dingerkus, Kilbi, Konzert, Kritik, Musik
Artikel erschienen am 29.12.2011 um 14:16 Uhr