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Im Jahr des Drachens

China gelang in den vergangenen Jahren ein einmaliger Wirtschaftsaufschwung. Mit der ökonomischen Stärke kehrt auch die politische und militärische zurück. Kein Wunder, dass Verunsicherung im Westen grassiert. Wirtschaftshistoriker und Harvard-Professor Niall Ferguson sieht das Reich der Mitte weiter an Einfluss gewinnen.

von Carlo Portmann

Ferguson, der auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung in Zürich sprach, nennt für den Erfolg der westlichen Staaten seit 1500 insgesamt sechs Gründe. Diese bezeichnet er, ganz im Geiste der Generation Facebook, als «Killer-Apps». Zu diesen Tugenden zählt er einerseits eine hohe Arbeitsmoral, die Erhöhung der Lebenserwartung und die Durchsetzung einer auf Wissenschaft basierender Weltanschauung. Weiter erwähnt er das Prinzip des Wettbewerbs in Ökonomie und Politik, eine Konsumgesellschaft auf der Nachfrageseite und letztlich einen funktionierenden Rechtsstaat. Diese «Killer-Apps» sorgten seit 500 Jahren für den Aufstieg des Westens. Doch dessen Hegemonie sei in Gefahr. Dem Osten, Ferguson bezieht sich hauptsächlich auf China, ist es in den vergangenen Jahren gelungen, diese Tugenden zu adaptieren, sie zu «downloaden». Der Westen dagegen setze alles daran sie zu zerstören, sie im Informatiker-Terminus zu «deleten». Als Beispiel führt er etwa vor Augen, dass 2009 zum ersten Mal mehr Patente für Entwicklungen aus China vergeben wurden als an die klassische Industrienation Deutschland. Ebenfalls sei es China erfolgreich gelungen, den Rückstand im Bildungswesen - man denke an die schrecklichen Jahre der Kulturrevolution ab 1966, bei der systematisch Lehrer verfolgt, kulturelles Erbe zerstört und Schulen und Universität geschlossen wurden - aufzuholen. Gerade in den für Forschung und Entwicklung so zentralen Naturwissenschaften sei dies etwa bereits der Fall.

China als Supermacht?

Aber: Gelingt es China eine Supermacht zu werden, wie dies auch ein Zuhörer fragte? Das ist für Niall Ferguson nur eine Frage der Zeit. Jedoch fehle es China noch an einem wichtigen «Killer-App» bis das Land erfolgreich alle Tugenden des Westens übernommen hat, und das ist die Rechtsstaatlichkeit. Denn die grassierende Korruption im zentralistischen Einheitsstaat frustriere die Bevölkerung zunehmend und binde so schöpferisches Potential. Doch im Gegensatz zu anderen Kommentatoren glaubt er daran, dass China auch hier aufholen werde. In kleinen Schritten nähere sich die Regierung der oftmals im Internet kundgetanen öffentlichen Meinung an.
Dem Zuhörer der äusserst gut besuchten Rede stellt sich schnell die Frage, ob dieses düstere Szenario tatsächlich den Gegebenheiten entspricht oder Ferguson zum Zweck der Publikumswirkung bewusst eine martialische, an den Kalten Krieg erinnernde Rhetorik verwendet. Denn eine wahre, wenn auch naiv anmutende Errungenschaft des neuen Jahrtausends wäre nicht ein immerwährender Kampf um Macht, von dem Ferguson ausgeht. Vielmehr gilt es, nach Stethoskop, Schiesspulver und Supraleitung einen Weg des gegenseitigen Verständigens und der Koexistenz zu entdecken.

Weitere Standpunkte von Niall Ferguson:

Die Zukunft der Anwendung von «Hard Power», etwa einer Militärintervention

Europa sei noch immer stark von den amerikanischen Streitkräften abhängig, wie sich dies etwa während der Nato-Mission in Libyen gezeigt habe. Doch der Sparkurs in Washington könne man in einem Punkt bereits erkennen und das sei im Verteidigungsbudget. So gab US-Verteidigungsminister Panetta vor einer Woche bekannt, dass der Etat im kommenden Jahr um 9% reduziert werde, etwa durch weniger Soldaten, Flugzeuge und Schiffe dafür mit mehr unbemannten Drohnen und Spezialkräften. Die Durchsetzungskraft dieser Hard Power könnte jedoch im Bezug auf das mutmassliche Streben Irans zur Atommacht getestet werden: «It is possible, that we may see a war this year over Iran’s nuclear program.» Weiter zeigt sich der Wirtschaftshistoriker besorgt über den Aufrüstungskurs Chinas. Eine militärische Konfrontation mit dem Reich der Mitte - China besitzt seit einiger Zeit einen ersten Flugzeugträger - sei um jeden Preis zu vermeiden.

Die Zukunft Russlands

Russlands Probleme liessen sich an der demografischen Entwicklung zeigen. Das aktuell noch 139 Mio. Einwohner zählende Land weist seit dem Untergang der Sowjetunion einen Bevölkerungsschwund auf. So müsse damit gerechnet werden, dass Länder wie Ägypten (82 Mio. Einwohner, Bevölkerungswachstumsrate letztes Jahr: 1.96%), der Jemen (24 Mio., 2.65%) oder die Türkei (79 Mio., 1.24%) in der Mitte des Jahrhunderts über eine grössere Bevölkerung verfügen werden als die Russische Föderation. Dieser «Sick man of Eurasia» habe es mit seiner Fokussierung auf die Förderung von Rohstoffen, insbesondere von Erdgas, verpasst sich in weiteren Wirtschaftszweigen zu etablieren. Vor allem aber leide das Land an einer chronischen Abwesenheit von Rechtsstaatlichkeit. Denn niemand werde mit einem Land Geschäfte führen wollen, das die Durchsetzbarkeit von Verträgen nicht garantieren könne.

Die Zukunft Nordkoreas

«It has no future, it won’t exist for another 10 years.» Der einzige Grund für die ausbleibende Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel sieht Ferguson in der Unterstützung Chinas für sein Nachbarland. Denn Beijing fürchte vom gleichen Schicksal eingeholt zu werden wie einst die Russen. Nachdem diese die Wiedervereinigung Deutschlands erlaubten, dauerte es keine zwei Jahre bis zur Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991.

Tags: Carlo Portmann, China, Politik, Uni, Vorlesung
Artikel erschienen am 01.02.2012 um 08:45 Uhr