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Jane Birkin im Kaufleuten

Sie war das schillernde It-Girl der wilden 60er und die Muse des wohl exzessivsten Enfant Terrible Frankreichs. Doch die Birkin vermag mehr als liebreizend mit ihren Kulleraugen zu klimpern und mit sündhaftem Beischlafgestöhne die Welt auf den Kopf zu stellen. Im Kaufleuten präsentierte sich eine starke, in Würde gealterte Frau voll liebevoller Erinnerung an den Mann ihres Lebens.

Text & Fotos Stéphanie Jetter

Das Foto des zierlichen, fast zerbrechlich wirkenden Mädchens mit der Zahnlücke und den unschuldigen Rehaugen, entblösst an einen Heizkörper gekettet, ging um die Welt; ihr säuselndes, laszives Gestöhne im 1969 erschienenen und von der breiten Masse als zu frivol verpönten Welterfolg «Je t’aime… moi non plus» war für längere Zeit beständiger Kandidat auf der schwarzen Liste der Musiksender. Beide Skandale waren bewusste Provokationsinszenierungen des exzentrischen Bonvivants und um etliche Jahre älteren Lebensgefährten der jungen Engländerin, Serge Gainsbourg, beide Skandale legendär.
Jane Mallory Birkin – die ewige Kindfrau, die ewige Inszenierung und Spielfigur des 1991 verstorbenen, einflussreichen französischen Musikgenialisten? Mitnichten!

«Jane Birkin sings Serge Gainsbourg via Japan». Die Welttournee widerspiegelt und verbindet zwei stark prägende Kapitel in Birkins Leben: die virtuose Liebes- wie Schaffensgeschichte mit dem Künstler Gainsbourg, mit dem sie sich trotz der Trennung 1981 bis zu seinem Tod innig verbunden fühlte und «noch immer fühle», wie sie nach dem ersten Chanson bedächtig erklärt, und die seit nun 40 Jahren währende Freundschaft mit dem Land der aufgehenden Sonne und seinen Menschen. Die ursprünglich geplante Konzertreihe anlässlich des 20. Todestages ihres langjährigen Compagnons wird von der Tragödie um Fukushima Anfang 2011 überschattet. Die Sängerin, Schauspielerin und Aktivistin ist tief erschüttert. Sie will helfen, sofort – aber wie? «Together for Japan», ein spontanes Benefizkonzert nur wenige Tage nach dem Horror unterstützt von vier der besten japanischen Musikern zeigt authentisch den Willen einer Frau, die dafür kämpft, woran sie glaubt. Die darauf folgende Tour mit ebendiesen japanischen Virtuosen ist eine bewegende Hommage voll Hoffnung und Liebe an ein Land und einen Mann.

In salopp sitzenden schwarzen Hosen, einer schlichten weissen Bluse und bescheidenen flachen Stoffschuhen betritt die Wahlfranzösin geschmeidig die Bühne. Sie lächelt. Höchstens die feinen Linien am Hals lassen ihr wahres Alter erahnen – die Stilikone des Swinging London ist mittlerweile 66, und wirkt anmutiger und glamouröser denn je.

Von Piano, Geige, Drum und Trompete begleitet, interpretiert die in der Bretagne wohnhafte Londonerin in ihrer ganz eigenen, unnachahmlichen Art die betörenden Kompositionen der Liebe ihres Lebens: mal fröhlich verspielt auf der Bühne tänzelnd wie beim heiteren «Di Doo Dah», mal nachdenklich, gar melancholisch an die Decke blickend und an einen Barhocker gelehnt wie beim sehr persönlichen «Jane B.» oder dem sensiblen «Ballade de Johnny-Jane». Auf die Darbietung des prototypischen Skandalsongs verzichtet sie bewusst. Und er ist da, der fabelhafte Serge, seine Anwesenheit im bis zum Bersten gefüllten Saal ist merklich spürbar; sein Esprit, sein Feuer, sein Zauber, sein herbes Naturell. Zum Ende des zärtlichen «Les Amours Perdus» schickt sie selig lächelnd einen Handkuss in die Höhe. Kein Kitsch, kein übertriebener Pathos. Das Publikum applaudiert ergriffen.

Sie ist ein Phänomen, diese zarte Frau. Ihre charmante, fast kindlich scheue und dennoch sprühend energetische Art zieht den ganzen Konzertsaal in ihren Bann. Sie scheint gelassen, sie scheint mit sich und ihrem Schaffen im Einklang zu sein. Die kleine Marode, die grazilen Hände immerzu leger in den weiten Hosentaschen verstecken zu wollen, wirkt erfrischend natürlich. Dass sie bei Weitem nicht jeden Ton trifft, stört keinen, dass sie mehr haucht als singt, ist schlicht wundervoll. Und immer lächelt sie berauschend ungekünstelt – lächelt in die Menge, lächelt voll Stolz und Dankbarkeit in Richtung ihres grossartigen, hochkonzentrierten japanischen Quartettes; lauscht verträumt dem einzigartigen Spiel der vier Ausnahmemusiker. Den Pianisten stellt sie im Verlauf des Abends ehrfurchtsvoll als ihren «Maestro» vor, die junge Violinistin als ihren «Glückstern». Und sie meint es auch so. 

Sichtlich gerührt geniesst das einstige Sexsymbol die Begeisterung der Zuhörer und bedankt sich nach jedem Lied freundlich auf Französisch, Englisch sowie Deutsch. Beim typischen Gainsbourg-Klassiker «Mon Amour Baiser» steigt die Interpretin dann gar von der Bühne und bahnt sich ihren Weg durch die verzückte Masse.

Nach zwei zauberhaften Stunden voll Empathie, Anmut und Wonne winkt die gentile Künstlerin zum letzten Mal in die tosende Menge. Man könnte noch stundenlang ihren Geschichten lauschen. Eine fesselnde Persönlichkeit, diese Jane Birkin, eine moderne, selbstbewusste Grande Dame und durch und durch sympathische Frau.

Tags: Chanson, Kaufleuten, Konzert, Musikkritik, Stéphanie Jetter
Artikel erschienen am 28.01.2012 um 10:46 Uhr