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Mit der Bibel an die Uni

semestra-Reporter Carlo Portmann hat nachgeforscht, wie Religion und Glaube das Studentenleben prägen können.

von Carlo Portmann

Gemäss einer im Frühjahr 2011 durch die Credit Suisse und dem Meinungsforschungsinstitut gfs.bern durchgeführten Studie glauben 58 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren in der Schweiz an eine höhere Macht. Jedoch gaben nur 13 Prozent der Befragten an, einmal pro Monat oder öfters eine Kirche, Moschee, Synagoge oder einen Tempel zu besuchen, während über die Hälfte jeweils nur an den «Dienstleistungen» Taufe, Hochzeit oder Begräbnis anzutreffen ist. Wie gestaltet sich jedoch das Leben derer, welche sich aktiv engagieren, gerade wenn sie unter der Woche im Vorlesungssaal sitzen?

Jonas Bärtschi-Keller koordiniert christliche Studierendengruppen in der Region Zürich, unter anderem auch den christlichen Hochschulverein BGS der Uni und ETH Zürich. Er ist von der ökumenischen Bewegung VBG angestellt («Vereinigte Bibelgruppen in Schule, Universität und Beruf») und hat Englisch und Geschichte studiert. Auf dem Programm der BGS Zürich steht ein wöchentlicher «Treffpunkt» mit Musik, Vorträgen und Gesprächsmöglichkeiten, dazu kommen Podiumsveranstaltungen, eine Literaturgruppe oder das «BGS Weekend» in Schönenberg.


Seit wann engagierst du dich aktiv in einer Religionsgemeinschaft und wie sah dies im Studium aus?
Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Während dem Studium kam immer wieder die Frage auf, ob der beschauliche Glaube meiner Kindheit auch rational tragbar ist. Ich habe noch lange nicht eine Antwort auf alles, doch kann ich sagen, dass der christliche Glaube sich intellektuell durchaus halten lässt. Neben den rationalen Argumenten überzeugen mich auch die persönlichen Erfahrungen, die ganz konkrete, spürbare Nähe und Zuwendung von Gott. Für mich ist die Kombination von persönlichem Erleben und nachvollziehbaren, rationalen Argumenten ausschlaggebend.


Was für Reaktionen hast du von deinen Mitstudierenden bezüglich deines Glaubensbekenntnisses erhalten? Gab es Leute, die dies spontan unterstützen, gab es aber vielleicht auch negative, ablehnende Kommentare?
Die Mehrheit der Leute nahm es einfach zur Kenntnis. Einige hatten Fragen oder wollten Genaueres wissen, was zu spannenden Gesprächen führte. Es gab auch Einzelne, die sehr negativ, zum Teil schon fast aggressiv reagierten. Es ist schwierig, mit emotional so investierten Leuten eine sachliche Diskussion zu führen.


War der Glaube unter dem Semester, bei Prüfungen, Gruppenarbeiten usw. jeweils eine Stütze / Belastung und warum?
Natürlich kann der Glaube in bestimmten Situationen Trost spenden oder mir Ruhe geben. Der Kern des Christseins liegt aber nicht darin, mir beim Erreichen meiner Ziele zu helfen. Es geht um eine radikal andere Sicht auf das Leben. Wenn ich meine Identität in Gott verwurzelt weiss, gibt mir das eine unglaubliche Gelassenheit. Ich muss mir nicht Anerkennung erkämpfen, ich muss nicht mehr allen beweisen, wie gut ich bin. Über diese enge Verbindung mit Gott heisst es in der Bibel: «Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.» Die Welt und die Menschen um mich her sind mir keineswegs egal, im Gegenteil! Aber ich weiss, dass mein Wert als Person nicht von meinen Leistungen und Statussymbolen abhängt.


Wie gehst du als Akademiker damit um, dass das geschriebene Wort der Bibel im Konflikt mit Erkenntnissen der modernen Wissenschaft stehen kann? Etwa der Klassiker: Die Schöpfungsgeschichte und die Evolutionstheorie nach Darwin?
Ich wüsste nicht, welche christlichen Überzeugungen im Widerspruch zu bestimmten wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen könnten. Ich bin kein Biologe oder Physiker, doch als Literaturwissenschaftler kann ich sagen: Bei der Schöpfungsgeschichte geht es um Antworten auf die grossen Fragen der Menschheit: Weshalb bin ich da? Was gibt mir Wert? Warum gibt es Leid in der Welt? Es ist kein wissenschaftlicher Text, schon gar nicht nach heutigen Gesichtspunkten. Natürlich nicht. Die Evolution ist aber auch kein Argument gegen die Existenz Gottes. Wenn der Regisseur im Kinofilm keinen Auftritt hat, heisst das noch lange nicht, dass der Film ohne Regisseur gedreht wurde.


Die Landeskirchen verzeichnen in den vergangenen Jahren einen Mitgliederschwund, nicht nur in der Schweiz. Gerade Junge bezeichnen sich in Umfragen oft als, zu einem gewissen Grad, gläubig, können aber mit Kirche und Pfarrer nicht viel anfangen. Warum sollten sich junge Menschen mit ihrem Glauben befassen, gar in einer Gemeinschaft wie der Bibelgruppe aktiv werden?
Was ich an Kritik höre, bezieht sich vor allem auf Äusserlichkeiten der Religion: das gesetzliche Einhalten moralischer Regeln, das Verurteilen von Andersdenkenden. Gleichzeitig sehe ich einen Trend zur Wellness-Spiritualität, die nur das sucht, was gerade Spass macht oder gut tut. Ein selbst gebasteltes Trostpflaster gegen den Weltschmerz sozusagen. Wenn ich aber die Botschaft von Jesus anschaue, geht es weder um Äusserlichkeiten, noch um ein Trostpflaster, sondern um ein Angesprochen-Werden im Kern meines Seins. Der Theologe und Widerstandskämpfer Bonhoeffer schreibt dazu: «Wenn die Heilige Schrift von der Nachfolge Jesu spricht, so verkündigt sie damit die Befreiung des Menschen von allen Menschensatzungen, von allem, was drückt, was belastet, was Sorge und Gewissensqual macht.» Diese Freiheit von allen äusseren Zwängen, die aus einer Neuausrichtung auf Jesus folgt, ist unglaublich – und meiner Ansicht nach durchaus prüfenswert.
Das veränderte Leben zeigt sich nicht primär am Sonntag in der Kirche, sondern am Montag in der Vorlesung, in meinem Umgang mit anderen Menschen, mit der Umwelt, mit gesellschaftlichen Problemen. Mitten im Hochschulalltag ein reflektiertes Christsein gemeinsam leben und teilen – das ist das Ziel der BGS. Das ist eine Herausforderung, intellektuell und auch praktisch. Doch in der Gruppe können wir einander helfen, können Fragen auf den Grund gehen und zusammen ein Stück Lebensweg gehen.

Tags: Bibel, Carlo Portmann, Religion, Studenten, Uni
Artikel erschienen am 18.10.2011 um 11:33 Uhr