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Nach der Arabellion

Irgendwie ist es kaum zu glauben: Vor einem Jahr schien die seit drei Dekaden ausgeübte Macht von Hosni Mubarak über das 82 Mio. Einwohner zählende Land am Nil unverrückbar. Auch in weiteren Staaten des Maghreb und des Nahen Osten sassen die oftmals mit dem Westen in unrühmlicher Umarmung verbundenen Despoten fest im Sattel. Doch innert Jahresfrist änderte sich die Situation fundamental. In Libyen vertrieben Rebellen unter Waffenbrüderschaft mit der Nato Muammar Gaddafi. Ägypten und Tunesien hielten nach dem forcierten Abgang ihrer Regenten Wahlen. In Syrien herrschen inzwischen bürgerkriegsähnliche Zustände.

von Carlo Portmann

Karim El-Gawhary verfolgt die sich überschlagenden Ereignisse seit Beginn. Er berichtet seit dem Zweiten Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre für deutschsprachige Zeitungen aus der Region und leitet mittlerweile das ORF-Büro in Kairo. Auf Einladung des Europainstitutes sprach er an der Uni Zürich.

Ausdrücklich warnt er davor, unser Demokratieverständnis eins zu eins auf die Arabische Welt anzuwenden. Dass voraussichtlich Muslimbrüder und Salafisten die klare Mehrheit im ägyptischen Parlament stellen werden, bedeute eben nicht, dass auch gleich die Demokratie in Gefahr ist. Die stark politisierte und über moderne Medien vernetzte Gesellschaft werde dafür einstehen, dass sie ihrer blutig erkämpften Rechte nicht wieder beraubt wird. Eine Koalition zwischen Muslimbrüderschaft und der Partei des Lichts der Salafisten hält er für unwahrscheinlich. Erstere strebten ein Modell wie in der Türkei seit Erdogan an, letztere sympathisierten mit einer strengen Auslegung des Islams, wie es in Saudi-Arabien praktiziert wird. Dass die Salafisten zur zweitstärksten Macht im Land werden konnten, überrasche auch ihn. Er erklärt es sich mit deren Präsenz in ländlichen Gebieten und den an die ärmere Bevölkerung gerichteten Unterstützungsprogrammen.

In jedem zukünftigen Szenario, ob mit oder ohne starker Macht des Militärs, mit oder ohne Bikini-Verbot, mit oder ohne Exodus der Kopten aus Ägypten, drängt sich eine Frage auf: Wie lassen sich für einen jährlichen Bevölkerungszuwachs von einer Million neue Ausbildungs- und Arbeitsplätze kreieren? Gemäss CIA World Fact Book ist rund ein Viertel der ausgesprochen jungen Bevölkerung- der Median liegt bei 24 Jahren- arbeitslos. Gerade diese Konstellation verhindere, so El-Gawhary, politische Reformen mit der notwendigen Bedächtigkeit durchzuführen, denn die soziale Frage dränge zu raschem Handeln. Auch die zukünftige Stellung der Frauen sei ungewiss und einem laufenden Prozess unterworfen. Dass diese, überspitzt formuliert, vom Tahrir-Platz in die Küche marschieren werden, erscheint aber undenkbar. 

Karim El-Gawhary, Sohn einer Deutschen und eines Ägypters, besitzt ein unglaubliches Talent Geschichten zu erzählen. Wenn er von einem 16-jährigen Mädchen spricht, das sich zum ersten Mal dem Vater widersetzt, um auf dem Tahrir-Platz demonstrieren zu können, oder von einer sich an Bedürftige richtenden Koch-Show, die mittlerweile Kultstatus in Ägypten geniesst, dann ist es still im Saal. Manchmal erschallt Gelächter, manchmal zeichnet sich Betroffenheit ob der Gewalt im beliebten Ferienland auf den Gesichtern ab. Gebannt verfolgen die Zuschauer seine Analysen und zahlreichen Anekdoten. Doch diese Geschichten, mögen sie uns auch ein differenziertes Bild des Alltags in Ägypten vermitteln, rauben gleichzeitig die Möglichkeit, andere Fragen zu beantworten: Zerbricht der seit 1979 bestehende kalte Frieden zwischen Israel und Ägypten an den neuen Machtverhältnissen? Bleibt Präsident Bashar al-Asad in Syrien am Hebel oder entschliesst sich der UN-Sicherheitsrat zuletzt doch für eine Intervention à la Libyen? Droht dem Land der Levante ein Bürgerkriegsszenario wie einst dem Irak nach Saddam Hussein? Wen wird der «Westen» zukünftig unterstützen: Die Vertreter des Volkswilles oder die Hand am Ölhahn? Die Beantwortung dieser Fragen bleibt so vorerst der Zukunft überlassen.

Übrigens: Am 1. Februar findet im Rahmen der «Fabrikgespräche» eine Lesung und Diskussion zum arabischen Frühling und der aktuellen Situation in Tunesien und Ägypten statt.

Bild: Marco Villa

Tags: Carlo Portmann, Geschichte, Politik, Uni, Vorlesung
Artikel erschienen am 16.01.2012 um 13:36 Uhr