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Nebenjob: Bestatter

STUDIVERSUM 37, UNDERGROUND – Die einen telefonieren während des Studiums im Callcenter, andere kellnern in einer Bar. Remo Streit (25) verdiente sich seine Brötchen während des Rechtsstudiums als Bestatter.

Text Dominic Illi

StudiVersum: Du hast fünf Jahre als Bestatter gearbeitet. Hast du den Job damals selber als «underground» wahrgenommen?

Remo Streit: Kaum zu glauben, aber ich habe mich vorher gar nicht gross damit auseinandergesetzt, dass es eine spezielle Tätigkeit sein würde. Der erste Kontakt mit den Gegenständen, die ich fortan verwendet habe, war aber schon etwas befremdend. Die Sargnägel oder den Zettel am Zeh gibt es tatsächlich. Man darf es nur nicht schlimmer reden, als es ist. Dank Serien wie CSI Miami stellen sich das viele falsch vor.

Noch heute ist der Tod für viele ein Tabu-Thema. Wie haben die Studienkollegen auf deinen Nebenjob reagiert?

Viele waren zu Beginn schon überrascht. Aber das hat sich schnell gelegt. Es gab natürlich immer wieder kleine Witzeleien, doch das machte mir nichts aus. Meine damalige Freundin hatte aber Mühe damit, wenn ich von der Arbeit zurückgekommen bin. Dabei hatte ich nach der Arbeit natürlich andere Kleider angezogen und alles desinfiziert. 

Also hast du nie versucht, deinen Beruf zu verheimlichen?

Doch. Aber nicht, weil ich mich geschämt hätte. Es ist ja schön, wenn sich das Umfeld dafür interessiert, aber wenn man jeden zweiten Tag dieselben Fragen beantworten muss, geht man dem irgendwann aus dem Weg. Manche Details möchte man seinen Mitmenschen auch gar nicht zumuten.

Würdest du den Beruf anderen Studierenden weiterempfehlen?

Neben der notwendigen zeitlichen Flexibilität sind die Motive zentral, aus denen man es machen will. Wir hatten tatsächlich Bewerbungen von Interessierten, die den Job auch gratis machen würden, um zerfetzte Leichen sehen zu dürfen. Ich habe es nicht der Action wegen gemacht. Im Gegenteil: Um die Unfälle habe ich mich nie gerissen. 90 Prozent der Todesfälle sind sowieso alters- oder krankheitsbedingt.

Inwiefern hat dich die Tätigkeit als Bestatter weitergebracht?

Menschlich bringt es einen schon weiter. Ich habe durch die Tätigkeit gelernt, mit Menschen zu kommunizieren: Gegenüber den Hinterbliebenen sollte man empathisch und zugleich zurückhaltend sein. Mir selber hat der Job viele Türen geöffnet: Den Kontakt zum Spital, wo ich jetzt den Direktionsstab leite, verdanke ich zum einen der Tätigkeit als Bestatter, zum anderen meiner Assistenzzeit in der Pahologie-Abteilung.

Wie bist du überhaupt zu diesem ungewöhnlichen Nebenjob gekommen?

Nach der Matur habe ich ein Praktikum im Altersheim gemacht, bei dem ich schon mit dieser Tätigkeit in Kontakt gekommen bin und einen Bestatter kennengelernt habe. Da ich keine Berührungsängste und er eine freie Stelle hatte, bin ich direkt eingestiegen. Ich wollte während des Studiums sowieso arbeiten, hatte aber keine Lust, im Coop an der Kasse zu sitzen.

Welche Haupttätigkeiten gehörten zu deinem Berufsalltag?

Einerseits die Beschäftigung mit dem Toten an sich: Nachdem man den Leichnam abgeholt hat, wird er bereit gemacht, geschminkt und anschliessend eingesargt. Eingesargt werden alle – auch diejenigen, die später kremiert werden. Andererseits gehören administrative Aufgaben dazu: Der Verstorbene wird bei der Gemeinde und sämtlichen Ämtern abgemeldet. Je nach Religion organisiert man zudem mit dem Pfarrer, Imam oder Rabi die Beerdigung. Speziell waren jeweils die Auslandsbestattungen. Wir sind oftmals mit dem Leichenwagen durch ganz Italien gefahren. Italiener, die in der Schweiz gewohnt haben, wollen oft in ihrer Heimat beerdigt werden.

Wie verhalten sich die Autofahrer gegenüber einem Leichenwagen?

Lustigerweise lassen einem viele den Vortritt.

Auch die Italiener?

Gerade die Italiener! Wenn man in Sizilien mit dem Leichenwagen vorfährt, werden Türen und Fensterläden geschlossen. Überhaupt herrscht eine völlig andere Mentalität: Nach der Abdankung fährt der Leichenwagen der Trauergemeinde voraus. Es ist schon eindrücklich, wenn nach der Abdankung 300 Menschen dem Sarg bei 35 Grad über eine Stunde lang folgen und sich sogar ältere Menschen diesem ewig langen Trauermarsch anschliessen.


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Artikel erschienen am 17.03.2011 um 11:17 Uhr