Sorge um das Tagesgeschehen
Natürlich bieten die Schweizer Hochschulseelsorgen Hand, um den eigenen spirituellen Weg zu finden. Daneben widmet sich ein grosser Teil ihres Programmes jedoch gesellschaftlichen Herausforderungen. Angesprochen werden also auch am Zeitgeist leidende Seelen.
von Nora Lipp
Hochschulseelsorge umfasst weit mehr als religiösen Beistand bei persönlichen Schwierigkeiten
Ein Blick in die Herbstagenden der Hochschulseelsorgen von Schweizer Universitäten zeigt: Fukushima ist genauso Thema wie Nordafrika. Mut, Gerechtigkeit, Wahlfreiheit und die Frage: Alles umsonst? – das sind die grossen Übertitel, die sich die Seelsorgen der Universitäten Zürich, Bern, Luzern und Basel dieses Semester auf die Fahne geschrieben haben.
Brennpunkte
«Ich versuche Themen aufzugreifen, die aktuell sind und mich selber begeistern und beschäftigen», begründet Noemi Jenni ihre Schwerpunktsetzung. Die Studentin der Religionskulturen ist verantwortlich für die Veranstaltungsreihe «Gerechtigkeit und Frieden» der katholischen Hochschulseelsorge Bern. Jedes Jahr beleuchtet ein Praktikant das Oberthema Gerechtigkeit von einer neuen Seite. Noemi Jenni hat sich für die Seite der Friedensarbeit entschieden und lädt an sechs Herbstabenden sechs Experten zur Diskussion über politische Konflikte in Pakistan, Afghanistan, Somalia, Nordafrika, der Schweiz und Palästina. «Die Leitfrage der Veranstaltungsreihe lautet: Wie subjektiv ist Gerechtigkeit? Ich möchte die Arbeit von Friedensaktivisten in einen grösseren, auch wissenschaftlichen Rahmen stellen und unterschiedliche Meinungen dazu hörbar machen. Das kann natürlich eine Inspirationsquelle für Studierende sein, die nach Forschungsthemen suchen». Auch Benjamin Ruch von der Hochschulseelsorge Zürich orientiert sich, wenn er das Semesterprogramm zusammenstellt, an aktuellen Fragen: «Wichtig ist, dass unsere Veranstaltungen gesellschaftlich, politisch und religiös relevant sind. In der allgegenwärtigen Orientierungslosigkeit, versuchen wir etwas Sinnvolles anzubieten. Wir stellen stets ein Thema, das unter den Nägeln brennt, ins Zentrum unseres Programms». Dieses Hauptthema ist bewusst breit gewählt, um verschiedene Problematiken darunter versammeln zu können. Mut und Übermut oder vielmehr der «prekäre Balanceakt zwischen beiden», wie Ruch sagt, strukturiert als roter Faden das Herbstprogramm der Hochschulseelsorge Zürich. Darunter, so führt Ruch aus, können Fragen gestellt werden wie: «Was gibt es für Alternativen zum gegenwärtigen Wachstums- und Konsumzwang? Sollen wir alles tun, was wir tun können?»
Wo bleibt die Religion?
Diese weitgefassten Leitthemen führen dazu, dass die Hochschulseelsorgen der Schweiz in ihren Veranstaltungen, aktuelle, weltliche, oft politisch aufgeladene Themen, aber auch Alltagsprobleme aus dem Studentenleben diskutieren. Sie fragen nach der Finanzkrise und der Wegwerfgesellschaft genauso, wie sie die Hetzjagd nach Credit Points an den Pranger stellen. Sie bieten Schreibworkshops an, laden ein zu Wanderungen und Filmabenden, stellen aber auch «den Körper als Mittel zum politischen Kampf» in den Raum und fordern Solidarität für HIV-Betroffene. Über alledem könnte der eigentliche Kern der Hochschulseelsorge, die Religion als Quelle des Trosts, fast vergessen gehen. «Die religiöse Grundversorgung ist natürlich immer noch Teil unseres Angebots,», verweist Benjamin Ruch auf die traditionelle Aufgabe der Hochschulseelsorge den Studierenden eine religiöse Heimat zu geben, «aber wir wollen weg vom konfessionellen Label ‘exklusiv katholisch’. Wir wollen Leute ansprechen, die zweifeln, die kritisch sind». Benjamin Ruch versteht die moderne Hochschulseelsorge als offene Diskussionsplattform, «als Haus ohne Vorzeichen», wie er angelehnt an den Begriff AKI unter dem die Hochschulseelsorgen auch bekannt sind, ausführt. Das Kürzel AKI steht für Akademikerhaus, ein Ort also der allen Studierenden zugänglich ist.
Schnittmenge
«Gerechtigkeit ist ein zentrales Anliegen der Jesuiten», verankert Noemi Jenni ihr Thema klar in der katholischen Tradition aus der die meisten Hochschulseelsorgen der Schweiz hervorgegangen sind. Sie knüpft daran aber keine Erwartungen an die Besucher ihrer Veranstaltungen: «Religion kann ein Thema sein, muss aber nicht. Ich selber habe hier einen offenen Umgang mit Religiosität erlebt». Mit einem Augenzwinkern meint Benjamin Ruch: «Für die Liberalen sind wir zu religiös und für die Religiösen zu liberal – wir sind stets auf der Suche nach der Schnittmenge von kritischen, religiös interessierten Leuten». Noemi Jenni und Benjamin Ruch betonen, dass in erster Linie der Austausch untereinander wichtig sei. «Wenn jemand mit einem religiösen Standpunkt an die Veranstaltung kommt, sucht er vielleicht auch nach einer religiösen Lösung für die angesprochenen Problematiken. Diese Veranstaltungen können aber auch Treffen ermöglichen zwischen Menschen, die nach religiösen Werten leben und solchen, die es nicht tun. Es geht darum, Berührungen zwischen unterschiedlichen Weltansichten zu ermöglichen. Jeder kann dann seine eigene Herangehensweise wählen», so Noemi Jenni. Die Veranstaltungsreihen der Hochschulseelsorgen der Schweiz reflektieren das Tagesgeschehen und konfrontieren dabei Politik, Wissenschaft und Religion miteinander. Diese Auseinandersetzung ist ein Angebot sich selbst in persönlichen Wertefragen weiterzubilden.
Nächste Veranstaltungen
Basel: Hetzjagd auf Credit Points?
Dienstag, 1. November 2011, 20.00 Uhr, Kollegiengebäude der Universität Basel, Hörsaal 001.
Bern: Afghanistan – Friedensverhandlungen möglich? Dienstag, 18. Oktober 2011, 19.15 Uhr, Alpeneggstrasse 5, 3012 Bern.
Somalia – Dürre und Hunger. Montag, 24. Oktober 2011, 19. 00 Uhr, Uni Hauptgebäude, 1. Stock Raum 120, Hochschulstrasse 4, 3012 Bern
Luzern: Wahlfreiheit für zukünftige Generationen. Mittwoch, 26. Oktober 2011, 19.30 Uhr, Universität Luzern, 3.B58.
Zürich: Alternativen zum Wachstumszwang? Mittwoch, 26. Oktober 2011, 19.15 Uhr, AKI, Hirschengraben 86.
Tags: Beratung, Ratgeber, Religion, Studenten
Artikel erschienen am 18.10.2011 um 07:43 Uhr