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Sorge um die Klitoris

Zusammen mit ihrer Schwester betreibt Sarina Nauer den Frauenerotikshop clitcare.ch und setzt sich dafür ein, dass jede Kundin zu ihrem wohlverdienten Orgasmus kommt.

von Marina Lienhard

Du verkaufst hauptberuflich Wollust.

Unser Motto ist «Lebe deine Lust» und da kann ich auch dahinter stehen.

Macht es dir Freude, anderen Menschen Lust bereiten zu können?

Ich halte mich bestimmt nicht für die grosse Glücksbringerin der Frauen, aber klar ist es schön, wenn man positive Rückmeldungen bekommt. Zum Beispiel, wenn nach einem Frauenabend [siehe Kasten, Anm. der Redaktion], an dem wir unsere Produkte demonstriert haben, eine Frau erzählt, es habe sich für sie etwas bewegt, und dass es ihr leichter fällt, auf ihre Lust oder Unlust zu hören. Sex und Lust soll ja auch nichts Statisches sein, es ist immer möglich, sich weiter zu entwickeln und Neues zu entdecken.

Haben Frauen eine andere Sexualität als Männer?

Ja, das denke ich schon. Es stimmt sicher nicht in jedem Fall, aber ich glaube Frauen sind grundsätzlich anspruchsvoller und schwieriger zu stimulieren als Männer. Jeder Mann kriegt gerne eins geblasen, aber Frauen sind sehr unterschiedlich und mögen nicht die gleichen Dinge. Frauen machen sich auch viele – zu viele – Gedanken beim Sex.

Weibliche Lust und insbesondere Selbstbefriedigung waren lange Zeit ein Tabuthema und wurden als «Sünde» deklariert. Denkst du, das ist heute immer noch so?

Es kommt auf die Erziehung und den Charakter an. Es gibt junge Frauen, die Selbstbefriedigung ausüben und dazu stehen, aber ich denke, es gibt auch viele, die es zwar tun, aber anschliessend ein schlechtes Gewissen haben, oder auch solche, die sich gar nicht erst trauen. Das kann eine Generationenfrage sein, aber in erster Linie ist es sicher eine Frage des Selbstvertrauens.

Auf eurer Webseite sprecht ihr von den «Bedürfnissen der modernen Frau». Wer ist diese Frau und welche Bedürfnisse hat sie?

Während sich der Einzelne früher eher zurückgehalten hat, wird dem Individuum heute viel mehr Wert beigemessen. Alle wollen einzigartig sein und sorgen sich um sich selbst. Diese gesellschaftliche Veränderung sieht man auch im Bereich der Sexualität. Früher dienten die Frauen nur der Fortpflanzung und allenfalls noch der Befriedigung des Mannes. Die moderne, emanzipierte Frau will auch ihre Freude am Sex haben. Diese Frau ist aber auch sehr gefordert, sie muss bei der Arbeit alles geben – vermutlich mehr als ein Mann in der gleichen Position. Sie ist oftmals überfordert, es fällt ihr schwer, sich abends zu entspannen und sich Zeit für ihre Sexualität und ihre Lust zu nehmen. Dieser Frau wollen wir die Möglichkeit bieten, für einmal vergessen zu können, ob sie gut aussieht, die richtigen Kleider trägt und so weiter. Sie soll sich Zeit für sich selbst nehmen und einfach mal abschalten.

Siehst du dein Engagement für clitcare.ch auch als feministisches Engagement?

Im sexuellen Bereich vielleicht schon ein bisschen, aber nicht auf kämpferische Art. Mir geht es nicht darum, dass Frauen ihre Männer gegen Vibratoren tauschen.

Gibt es Männer, die sich von Vibratoren verdrängt oder zumindest bedroht fühlen?

Ja, aber das ist vielfach Unwissen. Das Ziel des Mannes ist es ja, die Frau zu befriedigen. Die wenigsten Männer denken sich «Hauptsache, ich bin gekommen», die meisten wollen, dass ihre Freundin nach dem Sex glücklich ist. Wenn sie begreifen, dass Vibratoren nur eine Hilfe sind, um ihre Freundin zu befriedigen, dann finden sie das toll. Wenn man einen Vibrator benutzt, ist man zudem gezwungen zu kommunizieren und zu beobachten, und darum geht es ja auch beim Sex. Man soll sich ganz nah sein – nicht nur körperlich. Es geht nicht darum, dem Mann vorzuwerfen, dass er seine Frau nicht befriedigen könne, aber manche Frauen können überhaupt erst durch starke Vibrationen Orgasmen haben.

Muss denn jede Frau Orgasmen haben?

Ein Orgasmus ist ein wunderschönes Gefühl und kann auch sehr entspannend wirken. Ich finde schon, dass jede Frau Orgasmen haben sollte.

Kann es auch sein, dass eine Frau sich unter Druck gesetzt fühlt, weil ihr von der Gesellschaft diktiert wird, dass sie ein erfülltes Sexualleben und möglichst viele Orgasmen haben muss?

Du sprichst die Übersexualisierung der Gesellschaft an. Natürlich kann da ein gewisser Druck entstehen, aber das ist eine sehr negative Sichtweise. Wir versuchen mit unseren Hilfsmitteln, diesen Druck etwas zu mildern, indem wir es ermöglichen, Spass an der Sache zu haben. Sex ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Schlafen. Natürlich kann man darauf verzichten, aber für mich gehört er zu einer Beziehung dazu und ist auch etwas Schönes.


Clitcare.ch wurde 1996 von zwei Frauen ins Leben gerufen, die Erotikspielzeug für lesbische Frauen anbieten wollten – ein Markt, der bis zu jenem Zeitpunkt kaum berücksichtigt worden war. 2003 haben Alexandra und Sarina Nauer den Webshop übernommen, überarbeitet und ihrem Stil angepasst. Neben dem Webshop und dem Showroom an der Zweierstrasse in Zürich verkaufen die Schwestern ihre Produkte auch an sogenannten clitcare-Frauenabenden. Dabei werden bei einer Gastgeberin zu Hause Produkte vorgestellt, wobei auch viel Zeit für Fragen bleibt und der Spassfaktor nicht zu kurz kommen soll. Alexandra und Sarina suchen ihre Produkte sorgfältig nach Qualität, Hautverträglichkeit und Design aus und probieren die meisten auch gleich selbst aus – schliesslich wollen sie dahinter stehen können.

Tags: StudiVersum, Sünde, Wollust
Artikel erschienen am 01.09.2010 um 10:00 Uhr