Schweizer Version von Facebook?
Social Networking made in Switzerland – Das Zürcher Jungunternehmen «Spocal» will nach dem Vorbild von internationalen Plattformen wie Facebook oder Twitter nun auch für Schweizer Studenten eine Website schaffen, auf der sie sich austauschen können. Nebst coolen Features und interessanten Posts fehlt es jedoch an aktiven Nutzern.
von Lisa Stähli
Drei ambitionierte Zürcher haben Anfang letzten Jahres ein Projekt – zuerst unter dem Namen «blicKlick» – ins Leben gerufen, dass uns nun allen besser bekannt ist als «Spocal». Die aus den englischen Worten «speak» (sprechen) und «local» (lokal) abgeleitete Internetplattform soll Studenten an Zürcher Hochschulen eine Möglichkeit zum Gedankenaustausch bieten. Die Seite, die unter www.spocal.net erreichbar ist, sieht sich selbst nicht nur als einfache Dating- und Flirtplattform, sondern ist speziell auf die Interessen von Studierenden in und um Zürich ausgerichtet. Ziel ist es, dass sich Studenten austauschen, gegenseitig helfen und sogar im realen Leben anfreunden können. Aufgebaut ist die Plattform ähnlich wie die Startseite von Facebook: wem danach ist, kann einen Post oder Kommentar hinterlassen und abwarten, ob jemand darauf reagiert. Was beim Besuch der Seite jedoch schnell klar wird, ist die Tatsache, dass das Konzept zwar gut durchdacht ist, es aber an der Umsetzung noch etwas hapert.
Von Facebook abgekuckt?
Die Zürcher Erfolgsgeschichte erinnert ein wenig an die Entstehung von Facebook, die seit dem 2010 erschienen Film «The Social Network» jedem geläufig ist. Das 2004 durch den Harvard-Studenten Mark Zuckerberg gegründete Unternehmen war ursprünglich nur für die dortigen Studenten entwickelt worden. Der Erfolg liess aber nicht lange auf sich warten und bereits 2006 hatten auch Studenten ausländischer Universitäten die Möglichkeit, sich bei Facebook einzuloggen. Kurz danach wurde die Plattform für beliebige Nutzer freigegeben. Das gerade mal 8 Jahre junge Unternehmen ist auf dem Weltmarkt und in unseren sozialen Netzwerken kaum mehr wegzudenken. Social Networking erlangt immer grössere Bedeutung und immer mehr Jungunternehmer wollen auf diesen Zug aufspringen. Auch die Plattform Spocal hat erstmals an den Zürcher Hochschulen Fuss gefasst und überlegt sich nun bereits nach Deutschland zu expandieren.
Chatsprache generell Englisch
Das Schweizer Pendant zu Internetportals wie «LikeALittle» ist nun seit Februar 2011 auf dem Markt. Was diese neue Art des Vernetzens ausmacht, ist die Anonymität, die bis zu dem Zeitpunkt gewährleistet ist, wo man selbst entscheidet, einen Chatpartner auch im echten Leben zu treffen. Dies bringt den Vorteil, dass man sich frei von Vorurteilen oder Voreingenommenheit unterhalten kann. Vor allem für Studenten, die erst seit kurzem in der Schweiz studieren, ist die Plattform geeignet, denn alle Informationen sowie die Chatsprache sind in Englisch gehalten. Auch die Themen sind äusserst vielfältig. Vom philosophischen Gespräch, dass durch ein Zitat von Shakespeare gestartet wurde, über das Klagen über die Prüfungszeit bis hin zur Suche eines Hörsaals im ETH Hauptgebäude ist alles anzutreffen. Spocal ist eine Plattform für jedermann und jedefrau.
Nutzer über Newsletter verärgert
Ein einziger Unterschied zum amerikanischen Facebook bleibt: der Erfolg stellte sich (noch) nicht so schnell ein, wie gewollt. Kurz nach der Lancierung der Flirt- und Datingplattform «blicKlick» entschieden sich die Gründer als Reaktion auf Nutzerfeedback für eine Komplettveränderung des Konzeptes und einer Abgrenzung zu Flirtportalen. Diese Veränderung bewirkte zwar in den ersten Wochen wiederum eine Zunahme des Interessens, konnte aber auch nichts daran ändern, dass sich die Aktivitäten auf der Website nur schleppend mehren. Das Unternehmen versuchte also, die Nutzer zu mehr Eigeninitiative aufzufordern, indem sie ihnen E-Mails mit vielkommentierten Posts zustellten in der Hoffnung, wieder mehr Nutzer auf die Seite zu locken. Leider machten sie die Rechnung ohne die auch sonst schon ausreichend zugespamte Nutzerschaft, die sich lautstark über diese Newsletter beklagte.
Blog, gratis App und weitere coole Features
Der Mitbegründer Cristian Grossmann äusserte in einem Interview, dass er bereue, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein, Facebook zu entwickeln. Sein Unternehmen kann es zwar noch nicht mit dem grossen Bruder aufnehmen, bewegt sich jedoch in eine gute Richtung und kann mit neuen Ideen und Features aufwarten. Seit Oktober 2011 gibt es eine gratis App und die Website wird mit einem für Studenten wirklich lesenswerten Blog aufgewertet. Ein Besuch der Seite lohnt sich auf alle Fälle, auch wenn sich dieser auf das Lesen der Kommentare beschränkt. Das Eintauchen in die Welt der Spocalaner, die sich hauptsächlich Nicknamen wie Grapefruit, Banana oder andere Früchte aussuchen, ist sicherlich für alle ein Erlebnis. Noch immer besteht jedoch die Gefahr, dass auch Spocal zur Open-Diary wie etwa die Facebook-Startseite verkommt. Da bleibt nur noch zu hoffen, dass sich die aktiven Nutzer (z.B. Schmetterling oder Dreamer) wie schon bei den Newslettern gegen solches Treiben vehement wehren.
Tags: Internet, online, Schweiz, Studenten
Artikel erschienen am 20.02.2012 um 09:10 Uhr
