Stoppt das Gedankenkarussell
Studieren bedeutet Strapazen für unser Hirn. Manchmal werden die Gedanken so laut, dass man sich selbst nicht mehr hört: Kopflosigkeit droht. Wie Meditation und Mentaltraining helfen können sich selbst zu sortieren.
von Nora Lipp
Nachtschichten, ein zu Platzen drohender Kopf, Überforderung – unbekannt sind diese Seiten des Studiums den Wenigsten. «Pause» kann in solchen Situationen zum Dilemma werden: Pause zu machen, heisst dann oft ein schlechtes Gewissen zu haben – Pause nicht zu machen, einen platzenden Kopf zu riskieren. Hin – und hergerissen wird dann noch beim Kaffee über die Schreibblockaden lamentiert, wissenschaftliche Bücher in die Ferien mitgenommen oder einfach mit gesenktem Kopf in der Bibliothek sitzen geblieben, damit es – nicht nur für die anderen - zumindest so aussieht als werde da noch etwas gedacht. Erholsam sind solche Aktionen nicht. Enttäuscht über die eigene Untätigkeit und angestrengt von der ständigen Präsenz der unbearbeiteten Aufgaben, sickert das schlechte Gewissen langsam in den Alltag ein. Momente des Nichtstuns werden rar - denn etwas fürs Studium tun kann man immer, wenn es auch nur daran Denken ist.
«Eine Auszeit für sich selbst nehmen und neue Energie tanken», beschreibt Jolanda Kost die Möglichkeiten von Meditation und Mentaltraining. Aufschieberei, Selbstüberforderung, Prüfungsangst – als Leiterin des Unisportkurses für mentales Training an der Universität Luzern kennt sie die kritischen Momente eines Studentenlebens. Ein Allgemeinrezept für gelasseneres Studieren hat aber auch sie nicht zu bieten, denn:«Mentaltraining ist Knochenarbeit».
Meditation kann ein Teil dieses Trainings sein. Das Feld der Meditation ist weit und wurzelt in den unterschiedlichsten Religionen. «Nachdenken über sich selbst», bedeute Meditation grundsätzlich mal, grenzt sich Jolanda Kost gegenüber dem religiösen Aspekt ab. Sei es nun der Weg zur göttlichen Erleuchtung, der Übertritt in eine andere Welt oder das Nachdenken über sich selbst - Meditation versucht immer Achtsamkeit zu wecken für Dinge, derer man sich sonst nicht bewusst ist. Dazu gehören oft auch die eigenen inneren Zustände. Als Teil des Mentaltrainings dient Meditation dazu sich Freiräume im Kopf zu schaffen, einen Schritt zurückzutreten und bewusst auf sich und die Welt zu blicken. Pragmatisch meint Jolanda Kost, jeder müsse für sich jene Techniken wählen, die er brauchen könne. Atemübungen, fliessende Körperbewegungen, bewusstes Spüren des Körpers, das konzentrierte Hören von Musik – die Ruhe im Kopf findet jeder anders.
«Die Anstrengung verschiedene Rituale auszuprobieren lohnt sich», zeigt sich Jolanda Kost überzeugt. Faszinierend für einen selbst – das müsse das Ritual vor allem sein. Regelmässig im See schwimmen, kann genauso wirkungsvoll sein, wie jeden Morgen fünf Minuten in eine Kerzenflamme zu starren. Anstrengend dabei ist vor allem die Selbstüberwindung und Selbstdisziplin; gerade wenn der Kopf sowieso schon randvoll mit Anderem ist, braucht es viel davon. Konsequent und regelmässig durchgeführt, kann das selbst gewählte Ritual aber helfen, sich gewahr zu werden, was man selbst braucht und will. «Im Mentaltraining braucht man kein Gegenüber. Es funktioniert wie ein Tagebuch mit Siegel», charakterisiert Kost die Wirkungsweise der Übungen. Ehrlich zu sich selbst zu sein, ist also Grundvoraussetzung für das Funktionieren des Trainings. Genauso wie das persönliche Ritual für sich zu behalten. «Meditation und Mentaltraining muss man nicht erklären, sondern für sich selbst leben», so Jolanda Kost.
Wenn auch nicht kausal erklärbar, so doch teilweise wissenschaftlich nachweisbar sind die Effekte von Meditation. Das höchst subjektive Erleben der Meditation, macht die objektive Erforschung von Wirkung und Funktionsweise zwar schwierig. Auswirkungen regelmässigen mentalen Trainings werden von Wissenschaftlern aber doch festgestellt. «Die Ergebnisse zeigen, dass Achtsamkeit mit psychischer Gesundheit einhergeht», kommt Claudia Bergomi von der Universität Bern in ihrer Lizenziatsarbeit zum Schluss.
Dass es glücklich macht auf die guten Seiten des Lebens zu achten, mag abgedroschen klingen. Leicht fällt es trotzdem nicht immer. Unangenehme Dinge bewusst mit positiven Gedanken zu markieren ist auch eine Methode des Mentaltrainings. «Den Arbeitsplatz mit einem positiven Ritual zu verlassen und so eine klare Grenze zum Privatleben zu ziehen, kann sehr hilfreich sein, um am nächsten Tag motiviert an die Arbeit zurück zu kehren“, beschreibt Jolanda Kost eine Möglichkeit Arbeiten anzupacken und sich trotzdem Pausen zu gönnen.
Drehen sich die Gedanken also wieder mal im Kreis, winkt einem das schlechte Gewissen hämisch zu und wird Pause zum Unwort – dann mag es sich lohnen sich zurückzuziehen und ganz auf sich zu konzentrieren. Wie das geht, kann einem das Mentaltraining zeigen. Sich mithilfe eines Rituals Freiräume der Achtsamkeit im Alltag zu schaffen und positive Markierungen zu setzen - gegen Kopflosigkeit und für einen klaren Blick. Am Besten ist es natürlich, wenn das Ritual schon eingeübt ist. Aber: «Es ist nie zu spät um anzufangen», meint Jolanda Kost lachend. Und doch: Machen muss man es immer noch selbst.
Hätte ich die Kraft nichts zu tun – täte ich nichts. Tipps zum Ausprobieren.
Verträge mit sich selbst: Eine Möglichkeit sich nicht selbst um die verdiente Pausen (sei das ein kurzer Kaffee oder lange Ferien) zu bringen, ist das Abschliessen von Verträgen mit sich selbst. Schriftlich wird festgehalten, was man wie, wo und vor allem bis wann erledigen will. Dann Datum und Unterschrift drunter.
Glückstagebuch: Konzentration aufs Schöne – und plötzlich sieht man es. Sich jeden Abend zwingen drei gute/schöne/positive Erlebnisse/Begegnungen/usw. aufzuschreiben.
Angebote an den Uni’s:
- Bern
- Luzern
- Zürich
- Basel
Tags: Kurs, Mental, Mentaltraining, Studenten, Studium, Tipp, Unisport
Artikel erschienen am 06.09.2010 um 14:45 Uhr
