Studiengänge, die Trends setzen
Kaum jemandem ist in den letzten Jahren entgangen, dass es im Tram in Richtung Universität immer enger wird und der Kaffeeautomat in der Mensa von immer mehr Studierenden belagert wird. Jedes Jahr schreiben sich noch mehr Studenten an CH-Universitäten ein und deshalb ist Lisa Stähli der Frage nachgegangen, welche Studiengänge bei den Erstsemestrigen besonders beliebt sind und deshalb von dieser Zunahme profitieren können.
von Lisa Stähli
Infolge der Bologna-Reform und ständig steigenden Maturandenzahlen werden die Schweizer Hochschulen von immer mehr Studierenden besucht. Allein im letzten Jahrzehnt (2001-2010) ist die Einschreibequote Schweiz weit um 32 Prozent angestiegen. Um die Jahrtausendwende herum lagen die Studierendenzahlen bei knapp 100‘000. Heute nehmen über 130‘000 Studenten Bildungsangebot und Infrastruktur der Universitäten in der Schweiz in Anspruch.
Die immer grösser werdende Masse der angehenden Akademiker ist nicht nur eine Heraus-forderung für das Infrastrukturmanagement der Hochschulen, sondern auch ein Fluch für viele Departemente. Stark zugenommen hat in den letzten Jahren insbesondere das Interesse an Wirtschaftswissenschaften, was vor allem die Universität Zürich spürt. Seit geringer Zeit sind Liveübertragungen der Vorlesungen auf Grund der vollkommen überfüllten Hörsäle an der Tagesordnung. Die relative Zunahme der Studierendenzahlen in diesen Bereichen beläuft sich nämlich auf 37.5 Prozent. Während im Jahr 2001 knapp über 13‘000 Studierende einen Studiengang im Bereich Wirtschaft besuchten, lagen die Zahlen im Jahr 2010 bereits bei über 19‘000 eingeschriebenen Studenten.
Technische Hochschulen profitieren besonders vom Zuwachs
Mit den Wirtschaftswissenschaften können nur noch die Rechtswissenschaften mit einer Zu-nahme von 36 Prozent mithalten, die jedoch mit knapp 15‘000 eine deutlich kleinere Zahl an Studierenden aufweisen können. Den grössten Anstieg aber verzeichneten die technischen Wissenschaften mit 44.5 Prozent. Im Jahr 2001 beliefen sich die Studierenzahlen auf gerade mal knapp 10‘000, im Jahr 2010 sind es bereits an die 15‘000 Studierende in diesem Bereich. Zu den technischen Studiengängen gehören beispielsweise alle Ingenieurwissenschaften, sowie Architektur, Material- und Lebensmittelwissenschaften oder Agrar- und Forstwirtschaft.
Dieser Zuwachs kommt vor allem der ETH Zürich zu Gute. Laut Medienmitteilung der Hochschule erfreuen sich vor allem die Maschineningenieurwissenschaften einer enormen Nachfrage. Der Studiengang Mathematik verzeichnete im Jahr 2011 den grössten Zuwachs an Erstsemestrigen.

Abgeschlagene Geistes- und Sozialwissenschaften
Durch die allgemein steigenden Studentenzahlen können natürlich alle Fachrichtungen von einem Anstieg profitieren. Im Vergleich zu den oben bereits genannten Richtungen beschränken sich der Anstieg im Bereich der Medizin und Pharmazie, sowie den exakten und Natur-wissenschaften jedoch auf den allgemeinen Prozentsatz von ca. 30 Prozent. In diesen beiden Bereichen haben vor allem fachübergreifende Studienrichtungen vom Zuwachs profitiert.

Weit abgeschlagen mit einer Zunahme von nur gerade 21 Prozent liegen die Geistes- und So-zialwissenschaften. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen wie beispielsweise die Studienrichtung Psychologie. Mit einem Frauenanteil von durchschnittlich 70 bis 80 Prozent konnte dieser Studiengang in den letzten Jahren mächtig zulegen und verzeichnete im Jahr 2010 knapp 2000 Studierende mehr als noch im Jahr 2001. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei den Politikwissenschaften, die ebenfalls ungefähr 2000 Studierende mehr verbuchen können. Rückläufig sind jedoch die Zahlen bei fast allen Sprach- und Literaturwissenschaften. Sowohl Germanistik wie auch Anglistik und französische Sprachwissenschaften registrieren einen kontinuierlichen Rückgang an Studierenden.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften schneiden zwar im Vergleich der relativen Zunahmen schlecht ab. Die absolute Zahl von 43‘000 Studierenden spricht jedoch für sich und zeigt, dass dieser Bereich noch immer die grösste Vielfalt an Studiengängen beherbergt und von den meisten Studierenden gewählt wird.
Auch der Frauenanteil hat zugenommen
Unter den Ingenieurwissenschaften zeichnen sich bei den Bau- sowie bei den Maschineningenieurwissenschaften die grössten Zunahmen ab. Noch immer gelten die Ingenieurstellen in der Schweiz als unterbesetzt. Die Zahlen lassen also auf eine voraussichtliche Sättigung des Arbeitsmarktes in diesem Bereich hoffen. Rapide abgenommen haben hingegen einerseits die Studienrichtung Forstwirtschaft und andererseits die Militärwissenschaften. Im Jahr 2010 haben sich laut den Zahlen des Bundesamtes für Statistik gerade noch drei Studierende für den Studiengang Forstwirtschaft eingeschrieben. Die Zahl der Studierenden im Bereich der Militärwissenschaften hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert.
Im Allgemeinen hat sich der Frauenanteil auf der universitären Stufe zwar nur minim verändert, hat jedoch eine markante Grenze überschritten. Im Jahr 2001 belief er sich noch auf 46.5 Prozent, im Jahr 2010 liegt er erstmals knapp über 50 Prozent.
Trotz überfüllten Hörsälen, langen Schlangen vor der Mensa und dem Bankautomaten, gibt es also noch immer Studiengänge, die einen Rückgang der Studierendenzahlen registrieren. Eine Erklärung für Trends bei Studiengängen liefert vielleicht die Wirtschaftslage. Die Schwankungen sind aber vor allem von den sich ständig ändernden Interessen der Studierenden selbst und dem Bildungsangebot abhängig. Man kann ausserdem davon ausgehen, dass auch der steigende Frauenanteil eine grosse Auswirkung auf die Verteilung der Studienzahlen hat, denn immer mehr junge Frauen behaupten sich auch in den Natur- und technischen Wissenschaften.
Gibt es einen Grund für Trend-Studiengänge?
Es gibt kaum eine hinreichende Erklärung für sich abzeichnende Trend-Studiengänge. Trotzdem fällt auf, dass sich angehende Studenten immer öfters auch Gedanken darüber machen, wo sie nach einem Master- oder Bachelorabschluss stehen möchten. Schlechte Chancen auf eine gute Stelle nach einer langjährigen Ausbildung gelten in der Zeit der Euro- und Währungskrise als allzu grosser Minuspunkt. Denn auch Studierende sind an einer gesicherten Zukunft interessiert, was gewisse Studiengänge unter Umständen kaum mehr bieten können.
Grundsätzlich sollte es nämlich im Interesse jedes Studierenden sein, in Zukunft einen Beruf ausüben zu können, der einem über Jahre hinweg gefällt. Um dieses Ziel zu erreichen nimmt man vielleicht auch unzählige Liveübertragen oder langes Warten vor der Mensa in Kauf.
Tags: Fachrichtung, Hochschulen, Lisa Stähli, Statistiken, Studenten, Trend
Artikel erschienen am 29.01.2012 um 08:46 Uhr
