Was tun gegen Mobbing?

In den letzten Jahren ist der Begriff «Mobbing» - ursprünglich vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz mit Blick auf Gruppenangriffe von Tieren verwendet - in unsere Alltagssprache eingeflossen. Der Begriff beschreibt das Handeln einer oder mehrerer Personen, das sich in schikanöser Form gegen eine Person oder eine Personengruppe richtet. Wichtig ist: Die schikanösen und herabwürdigenden Handlungen treten nicht nur einmal auf, sondern werden über einen längeren Zeitraum wiederholt.

Einzelnes, unfaires Verhalten sollte man daher noch nicht als Mobbing bezeichnen. Typisch im beruflichen Kontext sind folgende Verhaltensweisen:

• Die Arbeitsleistung einer Person wird ständig kritisiert.
• Kollegen verweigern den Kontakt zu einer Person.
• Jemand trifft ständig auf abwertende Blicke, Gesten oder konsequentes Schweigen.
• Jemand wird in einen Raum weitab von den Kollegen versetzt.
• Es werden bewusst Gerüchte über jemanden verbreitet.
• Eine Behinderung wird als Anlass für Spott und Häme genommen.
• Der Gang, die Stimme oder Charakteristika einer Person werden imitiert, um sie lächerlich zu machen.
• Kollegen machen sich über die Nationalität lustig.
• Jemand wird gezwungen, Arbeiten auszuführen, die das Selbstbewusstsein verletzen.
• Schimpfworte oder andere entwürdigende Ausdrücke werden der Person nachgerufen.
• Es erfolgen sexuelle Annäherungen oder verbale sexuelle Angebote.
• Der Vorgesetzten erteilt sinnlose oder überfordernde Arbeitsaufgaben.
• Man zwingt jemanden zu gesundheitsschädlichen Arbeiten.
• Die Person wird körperlich misshandelt oder bedroht.

Mobbing geht in seiner Intensität über die üblichen Konflikte, Spannungen oder Eifersüchteleien am Arbeitsplatz hinaus. Nicht jeder verbale Angriff, nicht jede kleine Schikane ist bereits als Mobbing zu werten. Doch, wo liegen nun die Ursachen für Mobbing und was kann man als Opfer oder auch als helfender dritter Aussenstehender dagegen tun?

Gründe für Mobbing

Gründe für Mobbing liegen
• in der Organisation, z. B. dem Unternehmen,
• bei den Mobbing-Tätern, z. B. der Persönlichkeit
• und – leider – auch den Mobbing-Opfern, z. B. in einem mangelnden Selbstwertgefühl, was bestimmte Verhaltensweisen begünstigt.

Ursachen für Mobbing, die in der Organisation liegen

Das Unternehmen wird selten allein der Auslöser sein. Eine solche Erklärung würde die Mobbing-Täter von ihrer Verantwortung freisprechen. Allerdings kann die Kultur eines Unternehmens das Mobbing befördern oder eine Lösung des Mobbingproblems sogar behindern. Z. B. durch
• stressreiche Arbeitsbedingungen, die potenziell zu Konflikten führen,
• Versagen von Führungskräften, z. B. schwache Vorgesetzte, oder sogar in das Mobbing verwickelte Vorgesetzte,
• schlechte Arbeitsorganisation, wenig Struktur, die Mobbing verhindert,
• schlechte Unternehmenskultur, z. B. Förderung von Neid und Konkurrenzdenken,
• schlechte Personalpolitik, z. B. Erzeugen von Verliererproblematik.

Die genannten Bedingungen bieten sozusagen die Plattform, auf der sich das Mobbing entfalten kann.

Ursachen für Mobbing, die im Täter liegen

Täter sind diejenigen, von denen das Mobbing ausgeht. Die Ursache für das Verhalten kann in ihrer Persönlichkeit liegen (z. B. Neurosen) oder auch in ihren persönlichen Zielen (z. B. eine Nebenbuhlerin schädigen) oder auch in ihrem Charakter (z. B. die Täter quälen andere Personen aus Langeweile oder Spass). Nicht selten finden sich auch Gruppen von Personen zusammen, die als Täter handeln. Hier ist natürlich auch die Gruppenpsychologie im Spiel. Typische Tätermotive sind z. B. folgende:
• eigene Ziele verfolgen und Gegner ausschalten,
• aus einer früheren, eigenen Opferrolle heute nun anderen das antun, was man früher selbst erlitten hat,
• von der eigenen Schwäche anderen gegenüber ablenken (treten, weil man buckeln muss),
• sich als Pädagoge fühlen («Durch die harte Schule müssen wir alle.» «Mir haben die Schläge früher auch nicht geschadet.»),
• neidisch sein (auf Klügere, Jüngere, Glücklichere),
• sich selbst nicht im Griff haben (Choleriker).

Gründe für Mobbing, die im Opfer liegen

Obwohl es absolut falsch wäre, die Täter von der Verantwortung freizusprechen, spielen auch die Opfer eine gewisse Rolle. Täter suchen sich ihre Opfer gezielt oder intuitiv aus. Sie spüren, wer sich als Opfer eignet. Opfer fühlen sich zumeist unschuldig. Sie sehen sich selbst als die Guten und die Täter als die Bösen. Und leider gilt: Manche Personen werden im Laufe ihres Berufslebens wiederholt zu Opfern. Bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes wechseln sie mitunter nur von einem Täter zum nächsten. Gründe für diese wiederholten Mobbingerfahrungen können auf der Opferseite sein:
• Soziale Kompetenz und Selbstwertgefühl: Je geringer das Selbstwertgefühl einer Person ist, desto eher wird sie sich durch Kritik oder Angriffe in der Defensive sehen und unangemessen reagieren, was das Täterverhalten bestärkt oder zu auslösenden Situationen führt.
• Neurotizismus: Dieser Begriff bezeichnet die emotionale Stabilität einer Person. Gemessen wird Neurotizismus z. B. mit dem NEO-FFI. Personen mit niedrigen Werten gelten als emotional stabil, ruhig, ausgeglichen. Personen mit hohen Neurotizismuswerten können dagegen häufiger Situationen schaffen, die dazu führen, dass sie von anderen abgelehnt werden.
• Gewissenhaftigkeit und Unnachgiebigkeit: Häufig halten sich Mobbing-Opfer für unbestechlicher, ehrlicher, akkurater als die Kollegen. Einhergehend damit können sich typische Opfer durch Rechthaberei in entsprechend ungünstige Situationen bringen.

Die genannten Aspekte deuten darauf hin, dass es nicht das typische Mobbing-Opfer gibt, sondern dass sich generell Personen als Opfer eignen, die – in welcher Weise auch immer – gegen die Gruppennorm verstossen oder sogar aktiv dagegen arbeiten.

Quelle: Auszug aus «Psychologie für den Beruf», von Boris von der Linde und Svea Steinweg, erschienen im Haufe Verlag, Online-Bestellung unter www.haufe.de.