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Alanis Morissette am Live at SunsetB

Alanis Morissette am Live at Sunset

Openair-Kritik | 24.07.2012 um 14:55 Uhr

Die untergehende Abendsonne ist wahrlich der wärmende Höhepunkt dieses Festivalorts. Wäre ein Arzt zur Stelle, müsste er hingegen das emotional unterkühlte Publikum wohl für klinisch Tod erklären.

von Filip Dingerkus

Festivals sind meist Inbegriff jugendlicher Ausschweifungen und Zeugen vom Drang, den Alltag für kurze Zeit zu vergessen und sich ein bisschen gehen zu lassen. Das Live at Sunset schlägt einen anderen Weg ein und versucht eine Zürcher Alternative zu Events wie dem Blueballs in Luzern oder dem Montreux Jazz Festival zu sein; bloss ohne den bunten Menschenmassen, die zwischen den Ständen flanieren und den entspannten Flair von Luzern oder Montreux geniessen. Stände gibt es am Live at Sunset keine, denn wer auf den Zürichberg kommt, tut dies nicht um sich das Drumherum eines Openairs zu Gemüte zu führen, sondern um die Musik zu geniessen.

Oder etwa nicht?

Abschliessend lässt sich das nicht beantworten. Auf jeden Fall konnte das Publikum vor Ort eher als openair-untypisch eingestuft werden und liess seinerseits durchaus andere Künstler vermuten. Roger Whitaker vielleicht. Oder auch Udo Jürgens. Dass an dem Abend Alanis Morissette die Bühne betreten würde, hätte man beim besten Willen nicht ahnen können. Die überwiegend älteren bis sehr alten Gäste vermittelten nicht den Eindruck, als würde die musikalische Darbietung für sie im Vordergrund stehen. Es drängte sich eher das Motto auf: Sehen und gesehen werden. Denn was bisher nicht erwähnt wurde, ist, dass es sich beim Live at Sunset auf dem Zürichberg um einen Dolder-Event handelt – vom bekanntesten Fünf-Sterne-Luxushotel Zürichs organisiert. Entsprechend gehörte auch ein Grossteil der Klientel einem gehobeneren Lebensstandard als an den anderen Festivals in der Schweiz an. Zumindest der Preis für «finanzkräftigste Kundschaft» war diesem Openair sicher. Was die Stimmung anbelangt, rollt das Live at Sunset die Konkurrenz eher von hinten auf. Und als das Konzert losging, wurde es eigentlich bloss schlimmer. Mehr als die Hälfte der Zuhörer blickten auf die Bühne, als wüssten sie nicht einmal, welchem Act sie hier beiwohnten. Regungslos starrten sie in die Leere, als wäre die Musik das lästige Highlight eines sonst so angenehm ruhigen Abends mit Smalltalk, Kaviar und Champagner.

Ist es nicht «ironisch»?

Bemüht war die Darbietung von Morissette, doch es gelang ihr kaum zum Publikum durchzudringen. Besonders zu Beginn schien der Funke überhaupt nicht auf die Festivalbesucher überzuspringen. Schnell nahm dies auch der Künstlerin die Energie und bereits nach wenigen Minuten drohte das Konzert sich zu einem kleineren musikalischen Fiasko zu entwickeln. Als dann nach einer halben Stunde das Lied «Ironic» ertönte, war es wie ein Lichtblick am bereits abdunkelnden Himmel, denn eine handvoll Gäste schien das Lied tatsächlich erkannt zu haben und fing zwischen den ansonsten reglos auf ihren Stühlen sitzenden Menschen zu tanzen an. Der Bühnenprofi Morissette nahm dies erleichtert zur Kenntnis und nutzte die ihr entgegengebrachte Sympathie für eine Leistungssteigerung ihrerseits.

Danke, danke, Stille

Es war der kleine Wendepunkt einer bis dato schläfrigen, gar gelangweilten Stimmung. Nicht, dass der stocksteife Grossteil der Menge plötzlich die Contenance verloren oder den Abend einfach etwas beschwingter aufgenommen hätte. Nein. Es reichte, dass die wenigen gut gelaunten Personen für heitere Lockerheit sorgten. Im Folgenden blätterte Morissette ihren Albenkatalog durch und präsentierte ganz festival-like eine bunte Mischung aus Balladen, rockigen Stücken und Ethnoklängen. Keine Überraschungen bot ihr Repertoire, das sich eines typischen Spannungsbogens bediente. Der Klimax war ein «lautes» Hardrockstück bei dem sich Morissette ziemlich verausgabte. Zu erwähnen sei, dass es sich bei dem Konzert um einen wahnsinnig leise abgemischten Auftritt handelte, wodurch es den Begriff «laut» durchaus zu relativieren gilt. Man wollte wohl nicht die Nachtruhe – in der sich die meisten der gehobenen Klasse bereits befanden – mit unangenehmen und gellenden Klängen stören. Die Zugabe war schliesslich mehr als vorhersehbar: «Thank You». Somit hatte der Abend sein scheinbares Happy End gefunden. Man blieb unbefriedigt zurück: Zu erwartbar wie ein beliebiger Hollywood-Streifen und ein Publikum wie pures Valium für die Sinne dämpften das Erlebnis. Für eine nachhaltige Erinnerung fehlte es an grossen und einzigartigen Momenten.

Man muss Alanis Morissettes Musik nicht mögen und man muss auch nicht in Begeisterungsstürme oder Jubelchöre ausbrechen. Aber wenn man schon an einem Konzert ist, zu dem man normalerweise freiwillig hingeht, kann man ruhig einmal der Person auf der Bühne ein Mindestmass an Respekt gegenüberbringen – auch wenn man zur High Society gehört.


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