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2 Filmkritiken zu SavagesD

2 Filmkritiken zu Savages

Kritik | 21.09.2012 um 13:04 Uhr Filmstart: 04.Okt.2012 Regie: Oliver Stone

Auf dem Papier ein gewichtiger Eröffnungsfilm des achten Zürcher Filmfestivals. Auf der Leinwand leider bloss einer von vielen Drogenkartellfilmen.

von Filip Dingerkus

Für das diesjährige Zurich Film Festival hat man sich kein geringeres als das neue Werk von Oliver Stone für die Eröffnungsgala ausgesucht. Die grossen Holywoodbrocken sollen den Job der Aufmerksamkeitsgenerierung übernehmen, schliesslich kann die Erwähnung in der Regenbogenpresse aus Finanzierungssicht für ein Festival mindestens genauso wichtig sein, wie in einer kritischen Fachpresse - das hat nicht zuletzt der Fall von Roman Polanskis Preisübergabe deutlich gezeigt. Dass ein Eröffnungsfilm folgerichtig in erster Linie der Publicity dient und nicht unbedingt ein starkes Werk sein muss, offenbart der Fall von «Savages».
Zwei Surferboys, ein sensibler Botanikexperte (Aaron Taylor-Johnson) und sein raubeiniger Militärkumpel (Taylor Kitsch), haben sich dem Hanfanbau und der meist friedlichen und geregelten Distribution ihres hochwertigen Stoffs in ihrer kalifornischen Umgebung verschrieben. Alles läuft entspannt vor sich hin, bis das mexikanische Kartell auf sie aufmerksam wird und mit der Entführung ihrer gemeinsamen Liebhaberin (Blake Lively) ein gewalttätiges Katz-und-Maus-Spiel beginnt.
Stone setzt bei seinen Hauptdarstellern gerne auf frische und neue Gesichter, verzichtet aber auch aus Vermarktungsgründen nicht auf altbewährte Namen. In den Nebenrollen legen Emile Hirsch, Salma Hayek oder Benicio del Torro allesamt eine solide Leistung an den Tag - wenn auch nicht immer als gelungene Besetzung. Deplatziert wirken sowohl Hirsch, der eine lasche uninteressante Figur spielt, als auch Hayek, der man ihre dubiose Rolle als Drogenboss ihres Syndikats nicht abnimmt. Für eine überraschend positive Wirkung sorgt John Travoltas humoristische Einlage eines korrupten Polizeibeamten. Travolta wird übrigens am diesjährigen Zürich Film Festival mit dem «LifetimeAchievement Award» geehrt. Die drei Hauptdarsteller sind valid/legitim, wenn auch keine faszinierenden Neuentdeckungen. Aber für junge Leute hatte Stone schon immer ein gutes Händchen.
Wer den Film «Blow» kennt, wird viele stilistische Ähnlichkeitenbei «Savages»wiederfinden, zum Beispiel in der Bildästhetik. Aber auch bei Story und Besetzung sind Analogien erkennbar: Das Duo, das mit ihrem kleinen Hanfunternehmen ein entspanntes Leben am Strand geniesst und plötzlich in den Drogensog gezogen wird; Salma Hayek, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Penelope Cruz hat, soll hier als lateinamerikanischer Blickfang dienen. Viele der Anleihen sind womöglich gewollt, machen den Film aber durch diese Zitate nicht wirklich interessanter.
Die sehr konventionell erzählte Story hilft auch in keinster Weise. Weder eine spezielle Handschrift des Regisseurs noch eine Abgrenzung zu den vielen Kartellfilmen ist möglich. Und spätestens seit der Serie «Breaking Bad» ist grosser Einfallsreichtum gefordert, um den Zuschauer überhaupt annähernd vom Hocker reissen zu können. Nichts dergleichen wird einem hier geboten. Mit ein paar Enthauptungen versucht Stone zu schocken. Das wird aber nicht sehr einfallsreich und spannend vorgestellt. wodurch der Zuschauer über weite Strecken eher gemächlich in seinem Sessel versinkt, als gespannt auf die nächste Wendung zu warten. Das kann nicht das Ziel eines Drogen-Thrillers sein.
Während man also langsam wegdöst, fällt einem noch beiläufig auf, dass die Filmmusik häufig nicht zur Szene passt. Sie ist zeitlich schlecht auf die Handlung abgestimmt, oder von der Grundstimmung her gar nicht geeignet. Ansonsten ist aber an der Machart nicht viel auszusetzen: Es handelt sich um standesgemäss brauchbares Hollywoodhandwerk ohne wahre Höhen oder Tiefen. Den Vergleich mit der zahlreichen Konkurrenz hält er aber keinesfalls stand und spätestens in ein paar Jahren wird sich kaum noch jemand an «Savages» erinnern.

von Alexander Wilms

Der neuste Film von Oliver Stone spielt im Mexikanischen Drogenkrieg. Selten genug kommt es vor, dass Stone keinen Historienfilm dreht, politisch sind sieaber immer. Ist das Thema jedoch wirklich aktuell und neu? Und schafft es das Zürich Film Festival mit diesem «Headliner»den Puls der Zeit zu fühlen?

O – kurz für Ophelia – erzählt uns – dem Publikum- ihre Geschichte, wie sie in einer Dreiecksbeziehung mit zwei professionellen Drogendealern – besten Freunden namens Chon und Ben –den Kalifornischen Traum gelebt hat, «In an insaneworld ist theescapetodrugstheonlysanereaction», wie sie entführt und zum Druckmittel wurde in einem aufgezwungenen Deal zwischen den Hochqualitätsgras-ProduzentenChon und Ben und einem Mexikanischen Kartell, das von niemand geringerem als «La Reina» Elena (Selma Hayek) angeführt wird, die zur Zeit unter Stress steht, weil sie sich im Machtkampf mit einem aufstrebenden Kartell befindet undihre einzige Tochter (ihre Söhne sind tot oder haben den Kontakt abgebrochen), wie der Nachwuchs vieler gut verdienender Mittel- und Südamerikaner in den USA ein College besucht und sich von ihr abgrenzt. Ophelia erzählt, mit vielen Zitaten von Shakespearestücken, wie Chon – diese Schreibweise wird vor allem dank der Untertitel deutlich – (Taylor Kitsch)  und Ben (Aaron Johnson) mithilfe von Chons Armeefreunden, die mit ihm im Irak gedient haben und Bens Köpfchen, der einen Abschluss in Biologie und Wirtschaft gemacht hat, sie -O.-  versuchen aus den Händen ihrer Entführer zu befreien, deren Anführer und Verantwortlicher des Kartells für die Grenzzone zu den USA «Lado» (Benicio del Toro) ist.

In einem durchaus raffiniert konstruierten – mit etwas mehr Realismus als in einem Gangstermovie à la «Snatch» aber weniger als im Alltime Greatest «The Godfather» – Hinundher von Fallen, Intrigen und Rückschlägen gelangen die beiden Fronten schliesslich zum Shootout in einem Indianerreservat innerhalb des US-amerikanischen Staatgebiets.«As we all know it’s not part of the US but somehow it is.»Da stehen dann zwei Hollywoodnachwuchsschauspieler (ob sie zu Stars werden, wird sich wohl noch zeigen) zwei altgedienten Vertretern der Latinocommunity in Hollywood gegenüber.«Frida Kahlo» und«Ché» höchstpersönlich – wobei man Del Toro niemals in die Schublade Latinodarsteller schubsen kann. Er vermeidet in seiner Rolle als «echte Drecksau»namens Lado gekonnt einen mexikanischen Akzent, obschon er eine Form von Akzent benutzt und Salma Hayek – was soll man sagen; dass Stone ihr, wenn auch im Spass, an die Brüste gegriffen hat, scheint mir vor allem auf individueller Ebene respektlos – dafür gehörten ihm wahrscheinlich, in einer Welt, da die Kunst des Schauspiels mehr zählen würde als die der Regie, die Hände abgehackt.

Dass bis zu dem Punkt John Travolta, eines der Repräsentationsorgane Hollywoods am diesjährigen Zürich Filmfestival, noch nicht erwähnt worden ist, sagt einiges über seine Performance in «Savages» aus, obwohl seine Rolle einiges Potenzial gehabt hätte, wollte er sich als korrupter DEA-Agent namens Dennis diesmal nicht wirklich die Finger schmutzig machen und springt in einem der beiden Enden des Films – von denen keines restlos überzeugt, die zusammen jedoch einen guten Schnitt machen – denn auch als «Deus ex Machina» in der Tradition der guten alten Westernkavallerie in Aktion. Auf spielerischer Ebene überzeugten sowohl Hayek als auch Del Toro souverän; eine eigentliche Entdeckung in meinen Augen war jedoch Blake Lively, die Ophelia in das Gefäss eines verklärten Orangecountymädchens in Hippietradition gefüllt hat und bis zum letzten Schluck ausgetrunken – man kann schlicht nur betrunken werden von dieser Frau.
(Während Johnson und Kitsch sich nicht viel geben, aber auch nicht unbedingt enttäuschen – Johnson spielt vielleicht ein kleines Stück weniger pathetisch als Kitsch.)

Die politischen Aussagen dieses Bild gewaltigen Epos sind simpel. «Savages» baut gezielt Parallelen zwischen dem mexikanischen Drogenkrieg und dem Irakkrieg. Allerdings lässt sich nie genau sagen, wo Konstruktion (der story) aufhört und Kritik beginnt. Dass die Geschichte der drei Amerikanischen Weltbürger nicht viel gemein hat mit der Realität des durchschnittlichen Kartellkriminellen, der vor allem aus sozialem Elend und mit der Aussicht auf soziale Achtung sich als Soldat für Drogenbosse verdingt, liegt auf der Hand. Etwas zu kurz kommen auch die Anleihen beim berüchtigten Narco Cinema, der ausufernden B-Movie Video-Produktion für die mexikanische «Unterschicht», die mit dem Medienfest, der mexikanischen Medienindustrie den Drogenkrieg für Unterhaltung mit wenig finanziellem Aufwand aber grossem Profit schröpft.  «Savages» platziert ein Drama ShakespearshenAusmasses in die Welt des Krieges um Gras und Macht. Vielleicht sind Chon und Ben im Grunde eine Figur, nämlich Hamlet – aber das ist ein anderer Ansatz.


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