Bewerbungsgespräche: Vorsicht bei indiskreten Fragen

In Krisenzeiten stellen die Personalsuchenden immer mehr persönliche Fragen, was so weit gehen kann, dass die Privatsphäre der Bewerberinnen und Bewerber verletzt wird. Die wiederum trauen sich nicht zu lügen, obwohl sie theoretisch das Recht dazu hätten.

«Mir wurden Fragen zu meiner Familie und meinen Hobbys gestellt, vor allem dazu, was ich am Wochenende mache», erzählt Marta. Die aus Chile stammende 30-jährige hatte sich in einem Genfer Hotel für eine Vollzeitstelle als Reinigungskraft beworben. «Ich habe so exakt wie möglich geantwortet, um mir keine Chancen zu verspielen.»

Auf den ersten Blick ein gewöhnliches Bewerbungsgespräch, dennoch widerspricht es dem Gesetz. In Artikel 328b des Schweizer Obligationenrechts heisst es nämlich, dass «der Arbeitgeber Daten über den Arbeitnehmer nur bearbeiten [darf], soweit sie dessen Eignung für das Arbeitsverhältnis betreffen.» Mit anderen Worten, «das heisst, dass der Personalsuchende keine Fragen stellen darf, die das Privatleben des Bewerbers betreffen», fasst Jean-Bernard Waeber, Anwalt für Arbeitsrecht, im PME Magazine zusammen.

Fragen zu Freizeit und Hobbys werden trotzdem akzeptiert - die Mehrheit der Bewerberinnen und Bewerber erwähnt sie ja auch in ihrem Lebenslauf -, doch andere Informationen wie der Gesundheitszustand oder mögliche Vorstrafen sind problematischer, weil sie zum Ausschlusskriterium werden können. 

Das Eindringen in das Privatleben der Bewerber scheint seit einigen Jahren zuzunehmen. «In der Krise sind die Fragen der Arbeitgebenden an der Grenze des Zumutbaren”, meint Shani Zekolli, Gewerkschaftssekretär der SIT. “Die Personalberater erhalten so viele Bewerbungen, dass sie sich herausnehmen, sehr strikte Auswahlkriterien anzulegen, und Fragen stellen, die häufig überhaupt nicht mit der gesuchten Stelle in Verbindung stehen. Gleichzeitig informieren sich aber immer mehr Arbeitsuchende über ihre Rechte.»

Zu dieser Einschätzung kommt auch Jean-Bernard Waeber. «Wir beobachten, dass in Zeiten schwacher Konjunktur die Macht der Arbeitgeber zunimmt. Sie schrauben ihre Anforderungen hoch und legen es darauf an, den Mitarbeiter zu finden, der dem Unternehmen besonders ergeben sein wird.» Sie hoffen, dass sie Mitarbeitende mit minimalen Fehlzeiten und hoher Flexibilität bekommen, indem sie möglichst viel über die Persönlichkeit und die Lebensumstände der Bewerberinnen und Bewerber in Erfahrung bringen.

Zu den heikelsten Punkten gehören die Fragen nach dem körperlichen oder psychischen Gesundheitszustand. Laut Shirin Hatam, Juristin beim Verein Pro mente sana, «wird der künftige Arbeitgeber, wenn er von psychischen Problemen des Bewerbers erfährt, nicht das Risiko eingehen, ihn einzustellen. Ein Bewerber sollte daher nicht von sich aus über eine schlechte psychische Gesundheit sprechen.» Und wenn der Personalberater ihn explizit danach fragt? «Bei einer unzulässigen Frage hat der Arbeitsuchende das Recht zu lügen.» Krankheiten jeder Art gehören zur Privatsphäre und dürfen daher verborgen werden.

«Wenn der Arbeitgeber die Lüge nach der Probezeit bemerkt, kann er das nicht als Kündigungsgrund verwenden», erklärt Jean-Bernard Waeber. «Der Bewerber ist durch das Prinzip der Notwehr geschützt.»

Bei Frauen bleibt immer noch die Frage nach einer Schwangerschaft und nach Mutterschaft allgemein. «Das ist eindeutig ein Aspekt der Privatsphäre, zu dem man eine Bewerberin nicht befragen darf», macht Laure Jaton, Juristin im Gleichstellungsbüro des Kantons Waadt, deutlich. «Aber es kommt dennoch oft vor, zum Beispiel wenn eine Frau gefragt wird, wie sie sich organisieren wird, wenn die Kinder krank sind.» Bei solchen Fragen hat eine Bewerberin das Recht, auf eine Lüge zurückzugreifen. Die Experten für Arbeitsrecht weisen aber auf eine Ausnahme hin: Wenn eine Frau in einem Umfeld arbeiten muss, das sie selbst oder das ungeborene Kind gefährden könnte, also beispielsweise im Kontakt mit Chemikalien, kann der Arbeitgeber sie zu diesem Thema befragen.

Die Frage nach dem vorherigen Arbeitsplatz, die in Bewerbungsgesprächen häufig auftaucht, enthält sowohl private als auch «öffentliche» Komponenten. «Das, was im Arbeitszeugnis des letzten Arbeitgebers erwähnt wird, also das Verhältnis des Bewerbers zu seinen Kollegen, seine Qualifikationen für die Stelle oder der berufliche Werdegang, darf im Gespräch thematisiert werden», so Jean-Bernard Waeber. «Dagegen fällt der Grund, aus dem der Vertrag beendet wurde, wie auch die Höhe des Gehalts, in den Bereich der Privatsphäre des Bewerbers.»

Den Bewerber nach seinen Vorstrafen zu fragen, wird grundsätzlich als unzulässig angesehen, sofern es nicht um eine Schlüsselposition geht, bei der grosse Summen zu verwalten sind.

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